1500km mit dem Navigon Cruiser – Was kann die Navigationsapp fürs Motorrad?

Navigon Cruiser Karte und Tankstellen

Auf dem Motorrad habe ich ein Navigationssystem so gut wie nie vermisst. Ich kann gut und gerne darauf verzichten, dass mir jemand (oder etwas) erklärt, was ich zu tun und zu lassen habe oder wohin ich wo lang zu fahren habe. Fahre ich nicht allein, bestimmt der oder die am Anfang der Gruppe, wo es lang geht und ich fahre hinterher. Bin ich solo unterwegs, lasse ich mich gerne treiben und folge meiner Intuition, die von interessant aussehenden Straßen, Hinweisschildern oder herannahenden Gewitterwolken gefüttert wird. Der Weg ist das Ziel und Unterkünfte werden spontan gesucht und meist gefunden.

Die Ausnahme sind Reisen zu Freunden oder Verabredungen, die ich im Rahmen des vorliegenden Kulturkreises akzeptabel einhalten möchte. Manchmal muss ich auch Unterkünfte oder Fähren voraus buchen, weil ich irgendwohin will, wo alle anderen auch hin wollen und die Kapazitäten begrenzt sind. Dann muss ich navigieren, dann muss ich mich vorbereiten.

Gelegenheit und Testangebot von Garmin

Genau so eine Tour stand im vergangenen Mai an. Eine Party in Wiesbaden, danach weiter nach Brügge zum Fly Low Festival und anschließend in die Ardennen zum alljährlichen „Jungstreffen“. Rund 1500 Kilometer, davon zwei Drittel in unbekanntem Terrain, zu dem ich nicht mal eine Karte besitze. Also genau die richtige Gelegenheit, einmal elektronische Navigation auf dem Motorrad zu testen. Bisher bin ich mit Karte und Minimalroadbook immer gut zurecht gekommen. Doch das Angebot von Garmin, die Navigon Cruiser App zu testen, war zu verlockend. Und wenn schon, denn schon: Ohne Karte, nur mit iPhone in der Halterung von Twisty Ride und der Testversion des Cruiser machte ich mich auf den Weg. Die Zieleingabe ist denkbar einfach, wie bei jedem anderen Navigationssystem auch. Interessant wird dann die Streckenwahl: Die Kurvigkeit der Strecke kann verschiedenen Stufen gewählt werden, zusätzlich lässt sich bestimmen, wie groß die Umwege sein dürfen, die dafür in Kauf genommen werden. Zuverlässig wird eine Route gefunden und ich wählte den Kompromiss aus vielen Kurven und akzeptabler Ankunftszeit. Schließlich war ich verabredet und wollte pünktlich sein. So ganz viele Kurven ließ mein Zeitplan nicht zu, aber immerhin konnte ich Autobahnen vermeiden – Kurvigkeit Stufe zwei von fünf. Da es aus Eimern schüttete, und meine Handschuhe nach 15 min beschlossen, fortan nicht mehr wasserdicht zu sein, fiel mir erst später auf, dass das Handy mit trockenen Handschuhen nicht bedient werden kann, es sei denn, man hat leitfähige Fingerkuppen in den Handschuhen (ja, so was kann man kaufen, habe ich inzwischen gelernt). Mit völlig durchnässten Handschuhen geht das auf jeden Fall auch perfekt.

Dass mich der Navigon Cruiser dann in Wiesbaden auf der langsamstmöglichen Strecke mitten durch Mainz in die Wiesbadener Innenstadt führte, habe ich bei dem Sauwetter gar nicht bemerkt. Ein paar Minuten Autobahn auf den letzten fünf Kilometern hätten mir allerdings eine gute halbe Stunde Fahrt in der Sintflut erspart. Egal, die Party konnte starten und ich war pünktlich dabei!

Kurvenreich durch Wiesbaden und Eifel

Tag zwei überraschte mit Trockenheit und besten Bedingungen. Nun standen rund 500 km bis nach Brügge auf dem imaginären Plan. Also, Navigon Cruiser: „Hopp, hopp, eine schöne Strecke durch die Eifel gesucht und dann in Belgien mangels Gebirgen auf die Autobahn, um abends Serge in Brügge zu treffen!“ Geht nicht, sagt der Cruiser, die Streckenoptionen können nur von Start bis Ziel angegeben werden. Unterschiedliche Optionen für Teilstrecken sind nicht möglich. Dann also kurvenreich durch die Eifel. Blöd nur, dass eine kurvenreiche Ausfahrt aus der Innenstadt so interpretiert wird, dass man möglichst oft abbiegen soll, bis man den Stadtrand erreicht. Das ist Käse, Navigon Cruiser! Es gibt einen Unterschied zwischen Kurven und Abbiegen. Und wenn ich eine 500km Tour mit vielen Kurven plane, möchte ich doch gerne zügig die Innenstadt verlassen, um dann die Strecke zu genießen. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, solche mittelkomplexen Vorlieben in ein Elekronenhirn zu implementieren – so ist es jedenfalls nicht befriedigend. Irgendwann habe ich es tatsächlich aus der Stadt heraus geschafft und die Eifel lag vor mir. Mit mittlerer Kurvigkeit, schließlich war die Zeit begrenzt, führt mich der Navigon Cruiser über absolut fahrenswerte Strecken präzise bis an die belgische Grenze. Ob es beabsichtigt oder Zufall war, dass ich dabei noch am Nürburgring vorbeigeführt wurde und theoretisch die Gelegenheit zu einer flotten Runde durch die „grüne Hölle“ gehabt hätte, weiß ich natürlich nicht, denn ich habe die Route ja nicht selbst geplant.

Um dem Navigon Cruiser zu erklären, dass ich in Belgien die Autobahn benutzen wollte, musste ich anhalten, Handschuhe ausziehen und die Route neu mit geänderten Optionen eingeben. Optionsveränderungen während der Fahrt sind nicht möglich, auch nicht mit leitfähigen oder wahlweise durchnässten Handschuhen. Ich wählte „kein Umweg, Kurvigkeit eins“ also viel Autobahn mit kleinen Ausnahmen, was der Navigon Cruiser so interpretiert, dass er mich an jeder Abfahrt runterschickt, neben der Autobahn durch den Kreisverkehr leitet, um mir dann sogleich wieder den Weg auf die Autobahn zu weisen. Ohne Zweifel, so bekommt man auf einer reinen Autobahnfahrt ab und zu in den Genuss von Schräglage, nur macht das absolut keinen Sinn und der Erlebniswert hält sich doch schwer in Grenzen.

Am Ziel dann wieder makellose Navigation zum Treffpunkt und auch Fly Low und ein Abstecher an die Küste wurden an diesem Wochenende gut gefunden.

Auf verschlungenen Wegen durch Belgien

Die dritte Etappe führte uns dann gemeinsam von Brügge in die Ardennen. Diesmal durfte der Navigon Cruiser gegen Serges geballte Elektronavigation in Form eines alten Navgear und parallel dazu die Navigationsapp Scenic antreten.

Während das Navgear keine spezielle Motorradnavigation bietet und nur die üblichen kurzen oder schnellen Strecken mit und ohne Autobahn vorschlug, lieferten Scenic und Navigon Cruiser ansehnliche Streckenvorschläge, die sich aber nur zum Teil überschnitten. Welche ist die schönere? Welche wird unseren Wünschen an Landschaft, flüssige Streckenführung und zügiges Vorankommen am meisten gerecht? Ohne Karte kann das nicht abgeschätzt werden, der Bildschirm der Smartphones ist zu klein und die Karteninformationen zu dürftig. So wechselten wir uns in der Führung ab. Der Navigon Cruiser wies uns den Weg bei zweithöchster Kurvigkeit über einsamste Feldwege, die uns aber auch über Firmengelände inclusive verblüffter Arbeiter und hysterischer Wachhunde führten. Mangels Geländetauglichkeit unserer Fahrzeuge mussten wir auch das ein oder andere Mal umkehren. Immerhin, der Navigon Cruiser findet extrem schnell eine neue Route, ohne ständig „bitte wenden“ zu flöten, wie ich das von meinem Auto kenne.

Völlig überfordert war der Navigon Cruiser schließlich in Namur. Warum wir überhaupt mitten durch die Stadt fahren sollten, ist für mich unerklärlich. Die Streckensperrung wegen Baustelle in der Innenstadt konnte der Navigon Cruiser nicht ahnen, aber auch nicht bewältigen. Nachdem wir bei geschmeidigen 25 Grad im innerstädtischen Stop & Go aus verschiedenen Richtungen zum dritten Mal an der gleichen Kreuzung landeten, war meine Geduld am Ende. Serge übernahm und fand sogleich den einzig möglichen Weg aus der Stadt heraus. Den Weg, den alle nehmen mussten, den Weg der endlosen Blechlawine mit viel Stop und wenig Go. Irgendwie quetschten wir uns durch, verließen uns fortan auf unsere Intuition und fuhren schöne, flüssige Strecken bis zum Ziel Durbuy. Inclusive Fotostops an Burgruinen und anderen landschaftlichen Highlights. Hätten die Navigationshelfer diese Strecke wohl gefunden?

Intuitiv nach Hause

Für die Heimreise genügte mir die Ardennenkarte des Tourismusverbands plus Intuition und völliger Zeitautonomie. Der Navigon Cruiser erwies sich zwischendurch noch mal als Retter in der Not und suchte mir eine offene Tankstelle als es wirklich knapp wurde. Vielen Dank! Seinen letzten Einsatz hatte der elektronische Tourguide in Saarbrücken, um mich zur Unterkunft zu bringen, die er zuverlässig fand. Aber Saarbrücken hat eine Stadtautobahn, die der Navigon Cruiser bei entsprechender Einstellung natürlich konsequent vermied und zeigte mir Gassen, kleinste Sträßchen und gefühlt jede rote Ampel, die um diese Zeit zu finden war. Muss ich also wissen, ob es eine Stadtautobahn gibt, wenn ich den Navigon Cruiser bitte, mir den Weg in einer unbekannten Stadt zu zeigen? Zumindest müsste ich wohl daran denken und den Modus beim Erreichen einer Stadtgrenze entsprechend ändern.

So viele Gedanken um den Umgang mit einem Gerät, das mir das Leben leichter machen soll, sind nicht mein Ding. Ständig abgelenkt vom Monitor und der Überprüfung, ob die Vorschläge des Navigon Cruiser meinem aktuellen Gemütszustand entsprechen. Spätestens seit Bernt Spiegel wissen wir, dass die Kapazität unseres Hirnapparates begrenzt ist und jede zusatzliche Aufgabe auf Kosten der Bewältigung anderer Anforderungen geht. Mir fällt auf, dass ich nicht mehr weiß, wo ich lang gefahren bin, mich kaum erinnern kann, wie die Landschaft aussah, die Luft gerochen hat, das Klima sich angefühlt hat. Alles Dinge, wegen derer ich Motorrad fahre. Auch wenn Navigon Cruiser insgesamt recht ordentlich funktioniert, mich lenkt das ab, mich nerven Anweisungen. Ich habe das Gefühl, die besten Strecken zu verpassen und stets unnötig durch Stadtzentren fahren zu müssen. Nach dieser Tour steht fest. Ich kehre zur analogen Navigation zurück.

Navigation analog:

In der Regel besorge ich mir Karten für die gesamte Strecke, breite diese auf dem Boden aus und ziehe mir eine gedachte Linie von Start zu Ziel der Reise. Anschließend markiere ich entlang der Linie die Straßen, die ich fahren möchte, dabei achte ich auf „grüne Straßen“, die landschaftliche Schönheit versprechen, Kurvenreichtum und maximale Vermeidung von Innenstädten und Autobahnen. Je nach Streckenlänge und gewünschter Reisegeschwindigkeit wähle ich die Straßengröße. Über jedes Abbiegen mache ich mir eine Notiz mit dem Hinweis des als nächstes anzusteuernden Ortes – fertig ist das Roadbook. Gemeinsam mit der Karte im Tankrucksack war mir dies immer genug, um meinen Weg zu finden. Meist habe ich die Route versehentlich oder aus genannten Gründen immer mal verlassen, dank Karte ist es einfach, trotzdem zum Ziel zu finden. Es ist meine Route, mein Weg und meine Entscheidung, diesen zu ändern. Das macht die Fahrt zu „meiner Reise“.

Zugegeben, die analoge Methode hat Grenzen. Im Regen ist das Roadbook im Tankrucksack kaum zu erkennen, der Kartenwechsel runiniert das Papier und immer wieder mit gesenktem Kopf das nächste Ziel zu ermitteln trägt nicht grade zur Verkehrssicherheit bei. Aber jede Entscheidung ist meine Entscheidung, jeder Fehler mein Fehler und damit jeder Kilometer mein Kilometer. Wenn ich eine Adresse, eine Tankstelle oder Werkstatt suche, lasse ich mir gerne elektronisch helfen. Das wars dann aber auch.

Epilog:

Dem netten Produktmanagement von Garmin / Navigon Cruiser habe ich von meinen Erfahrungen berichtet. Inzwischen gibt es ein update, das die Streckenführung in Richtung „schöner Strecken“ verbessern soll. Außerdem ist die Anzeige jetzt auch im Querformat möglich (was ich nicht vermisst habe). Vielleicht probiere ich das noch mal aus. Auch die Option, sich eine Rundstrecke errechnen zu lassen, werde ich erneut testen, beim ersten Versuch waren mir da auch zu viele Stadtdurchfahrten drin. Die Streckenführung war seltsam und erlaubte keine flüssige Fahrt. Aber unabhängig von allen Features, mit elektronischer Navigation fühle ich mich mehr ferngesteuert als unterstützt. Und wie ich mich fühle, darauf kommt es mir an beim Motorradfahren.

6 Kommentare zu “1500km mit dem Navigon Cruiser – Was kann die Navigationsapp fürs Motorrad?”

  1. Das Ding ist Tineff und überteuert. Die normale Navigon App kann das gleiche, wenn man Motorrad auswählt und ist obendrein bei Teuerkom Mobilfunkverträgen für Nullo zu haben. Habe nach 1500 km auch die App gelöscht. Zumal keine Routenplanung am PC und Übertragung möglich ist. Bleibe bei Hanshans und gut ists.

    LG
    Jens

    1. Hallo Jens,
      soweit ich weiß, bietet die „normale“ Navigon App keine Auswahl der „Kurvigkeit“ aber dafür „schöne Strecken“ . Muss ich vielleicht mal ausprobieren. Wer oder was ist „Hanshans“?

      Grüße,
      Jimmy

    1. Hallo Ernie,
      danke für Deinen Tipp. Ich fand es halt ganz schön, nicht die ganze Hardware nochmal kaufen zu müssen, die im Smartphone schon drin ist. Oder gibt es TomTom Rider auch als App? Das wäre dann vielleicht einen Versuch wert.

      Viele Grüße,
      Jimmy

      1. Als App gibt es das Rider so weit ich weiß nicht. Das Navi ist preislich natürlich auch eine andere Liga, als eine reine App für’s Smartphone, aber meiner Meinung lohnt es sich. Bedienbarkeit, Display und Softwareumfang bekommt man so nicht auf dem Smartphone hin.

        1. Genau! „Andere Liga“ ist das Stichwort. Eigentlich ist es ein ganz anderes Produkt. Wasserdichtes Gehäuse, Halterung mit Stromversorgung, besser ablesbares Display etc. Das kostet halt mehr.

          Viele Grüße,
          Jimmy

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