Triumph Thunderbird Sport. Old-School-Neo-Vintage-Retro-Klassik-Perle.

Geschichte

Triumph war, betrachtet man den aktuellen Trend zum Roadster, 1997 seiner Zeit weit voraus. Mit der Thunderbird Sport kam ein Modell auf den Markt, das damals schon „Retro“ sein sollte – und es heute ist. In Scrambler-Manier, oder auch als Dirt Tracker zitiert, liegt der 3 in 2 Auspuff steuerbordseitig. Wie MO in 1997 feststellte, führt der einseitige Auspuff zu einem wahrnehmbaren Zug nach rechts. Wahrnehmbar bei freihändiger Fahrt. Darum echt lästig. Wer schon mal beim Nachspannen der Kette etwas schluderig das Hinterrad ausgerichtet hat, weiß, dass ein Abweichen der Spur von der geraden Sollausrichtung durchaus zu einem Ziehen zu einer Seite führen kann. Kenner gleichen das durch einen bepackten Koffer auf der passenden Seite aus. Honks stellen das Rad passend ein, also gerade. So fährt auch die TBS wieder geradeaus. Beide Rohre rechts – von den Insidern als Rechtsträger bezeichnet. Im Erscheinungsjahr lies diese Asymmetrie noch die Augenbrauen nach oben wandern. Triumph fügte sich dem Unbill und lieferte die TBS ab 1999 mit symmetrischer Anordnung aus, heute als Schubkarre bezeichnet. Ob man lieber Rechtsträger ist oder mit einer Schubkarre unterwegs ist, muss jeder für sich entscheiden. Die Geister scheiden sich auch an der Farbgebung. Angesagt ist schnellgelb mit schwarz, Borussenfeinde bevorzugen die Farbgebung „Spiegelei“, von Triumph als Opal White & Tangerine angepriesen. Rot wird ebenfalls in Kombination in schwarz angeboten. Rot-weiß ist serienmäßig nicht verfügbar, FC-Fans gehen hier leer aus oder lackieren um. Bei den Customizern sind allerdings andere Farben auf der Vorzugsliste.

Dran und ab

Bei der TBS gilt der Anbau von Koffern oder Topcase als Totsünde. Ebenso die King & Queen Sitzbank. Werden TBS-Teile mittlerweile teuer gehandelt, weil rar, geht beim Anbieten eines K&Q-Sofas ein Aufschrei durch das TBS-Fahrer Forum. Der Markt für Zubehör ist knapp. Flyscreen und Höckersitzbänke waren neu schon exorbitant teuer, mittlerweile werden sie in Gold aufgewogen.

Die rührige Cafe-Racer-Szene widmet sich gerne der TBS. An einer TBS im Originalzustand finden sich ein paar Dinge, die ohne Stilbruch ausgemustert werden können. Der fette Blechfender am Heck bringt nicht nur ordentlich Gewicht auf die Waage, er zerrt auch an der ansonsten sehr gelungenen Optik. Mit seinem Kumpel, dem Rücklicht, das sich als Butterbrotdose für dicke Jungs eignet, sieht die TBS von hinten aus wie ein Mops von vorne. Also abgeschraubt das Geraffel, im Keller eingelagert für den sowieso niemals stattfindenden Rückbau auf „Original“ und etwas Schlankeres montiert. Mit der Solositzbank und einem schnieken Bürzel macht die TBS dann schon einen schlankeren Fuß.

Triumph Thunderbird Sport Seitendeckel
Wok als Seitendeckel, dahinter die Käsereibe. Nur echt mit MOTO VIE Aufkleber!

Wer es „überretro“ mag, der stülpt sich noch Gummibälge über die Standrohre. Das wirkt stilistisch allerdings wie Weißwandreifen auf einem Opel Rekord D. Das wollte damals auch keiner. Ich habe trotzdem welche.

An der TBS ist vieles aus Blech, was bei der Konkurrenz aus Plaste ist. Die Seitendeckel sind derart massiv, Singles benutzen sie gerne als Wok. Etwas zu gut haben es die Gestalter aus Hinckley beim Einfassen der Hupe gemeint. Das Jagdhorn ist in ein Schneckenhaus aus verchromtem Blech an der linken Motorseite angepanzt. Bringt nichts und sieht bollig aus, also weg damit in die Kellerkiste. Das war’s auch schon. Bart wachsen lassen, Jethelm auf und ab zum Glemseck. Der Hobel passt.

Im Gegensatz zu den Neoretros aus dem Hause Triumph, wie Thruxton, Bonneville und wie die schnieken Zweizylinder heißen, hat die TBS noch echte Vergaser im Gehäuse. Ein ungeregelter Kat in den Deutschlandausführungen sorgte damals für ein reines Öko-Gewissen. Auf der Regeninsel hatte man so etwas noch nicht nötig und konnte als Entschädigung mit 83 statt der hierzulande verfügbaren 78 PS durchstarten.

Fahren

Wie fährt sich so ein Teil? Wunderbar! Der knapp 900 Kubik Motor zieht wie am Gummiband. Bei knapp über 1200 Umdrehungen kann im sechsten Gang das Gas aufgezogen werden und der Hobel zieht von knapp über Tempo 30 bis zum Maximum. Das geht gut, ohne Leistungsloch, ohne Ruckeln, vorausgesetzt, dass alles vernünftig eingestellt ist. Der Drehmomentverlauf ist über das gesamte Drehzahlband nahezu linear. Bemerkenswert ist das gesamte Verhalten, weil wir hier über einen Vergasermotor reden, nicht über elektronische Einspritzung , nicht über Ride-By-Wire oder Fahrmodusverstellungsgedöns. Die TBS kann das einfach. So kann man schaltfaul und dennoch zügig über die Landstraßen schaukeln. Wer es sportlicher mag, fährt die TBS mit stärkerer Schaltarbeit. Dabei ist das Schaltwerk kein Genuss. Das geht heutzutage besser. Dennoch quält die TBS-Zahnradkiste den Bedienfuß nicht. Passt schon! Wird die Drehzahl über 4000 Umdrehungen gehalten, kann jederzeit ordentlich Pfund gegeben werden. Sportlern mit Leistung im dreistelligen Bereich kann so bedingt Paroli geboten werden. Dennoch sind genau hier die Grenzen. Es geht nicht ums Paroli bieten. In 4 Sekunden vom Stand auf 100 sind drin, sagt das geduldige Papier. Das fühlt sich auch genauso an. Ist aber auch völlig wurscht, ober der Sprint auf 100 km/h 4 oder 5 ½ Sekunden dauert. Wichtig ist nur, wie es sich anfühlt. Und auch das passt bei der TBS!

Die in die Jahre gekommene Dame strahlt eine Lässigkeit aus, die so seriennah heute kaum eine neue Maschine bieten kann. Vielleicht eine R NeinT, eine Duc Scrambler oder die kleinen Guzzi. Dann ist aber auch schon Ende der Fahnenstange.

Dabei ist ist die TBS ein sehr zuverlässiger Kumpel. Das voll einstellbare Fahrwerk wird unterschiedlichen Ansprüchen und Einsatzzwecken gerecht. Mit der Originalsitzbank und Gepäckrolle sowie Tankrucksack lassen sich sogar gewisse Tourerqualitäten herausarbeiten. Bei einem Verbrauch von 5 ½ Liter können zwischen zwei Tankstopps rund 250 Kilometer eingeplant werden. Für Zentraleuropa reicht das völlig aus.

Die Verarbeitungsqualität trotzt jeder Kritik. Zuverlässig und wartungsarm steht die TBS bei Fuß, wenn sie gebraucht wird. Keine Zicken, keine typischen Schwächen zwingen den Besitzer in die Garage statt auf die Piste.

Kaufen

Stilistisch ist die TBS mittlerweile ein kleines Juwel, selten und teuer. Der Markt ist mehr als knapp, die Preise ziehen merklich an. Unter 4.000 Euro gibt es keine mängelfreien Modelle bei den üblichen Verdächtigen im Internet. Mit niedriger Laufleistung , feinem Zubehör und nachgewiesener regelmäßiger Wartung gehen die Preise in Richtung 6 Kiloeuro. Nun aber bitte keine Preisspekulanten anziehen. Wer nicht weiß, wo er seine gesparte Kohle parken soll und darum eine TBS kauft, der setzt besser auf eine alte Vespa. Da sind die Steigerungsraten sicherlich höher. Eine TBS ist zum Fahren da, nicht zum Sammeln.

Wer mehr über die Maschine wissen möchte, ist im Forum gut aufgehoben. Nachdem ich länger im Super-Ténére-Forum unterwegs war, fiel mir auf, dass bei den Thunderbirds relativ wenig über technische Probleme gepostet wird. Das liegt meiner Vermutung nach einfach daran, dass es allgemein wenig Schwierigkeiten mit dem Eisen gibt. Wie schön!

Triumph Thunderbird Sport auf Abschleppwagen - ganz seltener Anblick
Ganz seltener Anblick: TBS auf Abschleppwagen. Dem Kenner fällt auf: Nur britische Mobilitätsware auf der Ladefläche.

Noch etwas zur Namensgebung: Nachdem eine Thunderbird 1949 erstmals von Triumph vorgestellt wurde, blieben die Modelle in ihrer Ausrichtung von Generation zu Generation immer ähnlich. Der Namenszusatz „Sport“ passt in die Ahnenreihe. Nicht jedoch bei der 2009 namensgleich auf den Markt geschobenen Harley-Konkurrenz aus Britannia mit einem Hubraum im Bereich von Mittelklassewagen. Statt Identifikation schafft die Namensgebung hier eher Verwirrung. Die Marketingspezies auf der Insel haben gepennt.

Ob Nachfolgemodelle aus Hinckley ebenso das Zeug zum Klassiker haben bleibt abzuwarten. Gefragt sind neben der TBS aktuell noch die Speed Triple der T300 Reihe, gebaut von 94 bis 96. Alles andere wird sich zeigen.

Wer Spaß an Speichen und Vergasern hat, wer lieber fährt als schraubt und trotzdem ein älteres Eisen bevorzugt, der tut sich mit dem Kauf einer gut abgehangenen TBS einen echten Gefallen. Hohe Laufleistungen sind nicht zwingend ein Manko, sofern die Gute regelmäßig und professionell gewartet wurde. Die Anschaffung braucht allerdings ein wenig Zeit. Der Markt ist dünn.

Wer mag, kann mir gerne Fotos von seiner TBS zum Veröffentlichen auf dieser Seite zusenden.

13 Kommentare zu “Triumph Thunderbird Sport. Old-School-Neo-Vintage-Retro-Klassik-Perle.”

  1. … sach ich ja – ist eben ein Motorrad mit Charakter! Ich liebe das Aggregat. Und wenn doch mal was sein sollte ist das TBS Forum unvergleichbar und hilft jedem aus der Scheiße. Und wenn nichts ist kann man auch einfach nur blöd rumquatschen 🙂

  2. …moin !

    Genau so ist das. Schöne Zusammenfassung…., verstehe nur nicht, dass die TBC keine wirkliche
    Anerkennung erhält. Weder hier, noch in den Foren. Ich fahre die Classic jetzt seit 10 Jahren,
    bin auch die Sport gefahren. Wer aber das wirkliche Gefühl des „British Biking“ erfahren will,
    der sollte mal die Classic fahren.

    Grüße, Mik

    1. Hallo Mik,

      die TBC sowie die anderen Dreizylinder habe ich nicht erwähnt, weil ich damit noch nie gefahren bin. Ausnahme: 1992 durfte ich eine Woche die damals frische Trident 900 fahren. Bis auf den Schriftzug fand ich das Motorrad überhaupt nicht „british“. Das ist die TBS ja eigentlich auch nicht. Meiner Meinung nach hat die Baureihe dafür auch einen Zylinder zu viel. Dennoch schätze ich meine TBS sehr. Und somit ist mir auch egal, ob andere das Teil gut finden. Gleiches gilt doch auch für die TBC. Und wer eine Egokrücke braucht, der fährt doch sowieso ganz andere Motorräder.

      Viele Grüße

  3. ….moin Martin,

    ich meinte das in Bezug auf Fahrwerk – Bremsen e.t.c. Wie auch immer, geb Dir Recht….
    egal was erzählt wird, dazu sind wir zu individuell, ist und bleibt die TBC mein Bock mit
    allen britishen Ecken und Kanten 😉 .

    H*U*G*H !

    Mik

  4. Toll geschrieben Martin.
    Hätte ich irgendein beliebiges, womöglich 4-Zyl-Asia-Mopped, hätte ich mich längst wieder vom Moppedfahren verabschiedet.
    So bescheuert es auch ist, zur TB(S) baut man irgendwie ein emotionales Verhältnis auf.
    Trennen fällt schwer. Ein bisschen ist daran auch das erwähnte Forum Schuld.
    Wir sehen uns wahrscheinlich Sonntag 😉

  5. Echt gut geschrieben, habe noch 2 Seitendeckel und werde sie mal als Wock in Betracht ziehen.
    Habe dich ja heute auch kennengelernt.
    2 Meter auf einer TBS sehen schön kompakt aus.
    😎😉

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