Dreierlei – Tronti: Ein Motorrad mit Technik dreier ruhmreicher Marken aus drei längst vergangenen Jahrzehnten

Tronti, ein Motorrad aus drei Jahrzehnten

Ein eigenes Motorrad zu realisieren, ausschließlich den eigenen Ideen und Wünschen folgend, davon träumt so mancher Flex-Virtuose. Nur die wenigsten haben mehr als eine Schüppe Geduld und Ehrgeiz, genügend technische Kenntnisse, den Haufen Zeit und die passende Brieftasche. Oder andere Prioritäten im Leben verhageln das gedankliche Konstrukt bereits im Ansatz. Aber einige schaffen es dann doch. Wenige davon sehen sich als Künstler. So wie Mike Etienne. Er hat sich sein Bike gebaut, mit Teilen aus drei Jahrzehnten (zwischen denen jeweils ein weiteres Jahrzehnt liegt). Mit Hauptkomponenten von drei verschiedenen Marken und mit einer Bauzeit von drei Jahren. Ein Café-Racer als Reminiszenz an die Rocker der sechziger Jahre, als das noch nicht hip war und alles andere als Mainstream.

Ein „Artbike“ war das Ziel

Authentizität im Sinne eines historischen Fahrzeugs, wie es eines in den 60er Jahren gegeben hat, oder hätte geben können, war nicht gefragt. Mike‘s Ziel war ein Artbike. Eine mobile, mechanische Skulptur, die die Ideale der Café-Racer-Szene aufnimmt und zeitgemäß widerspiegelt. Mike definiert die Ziele ganz simpel: Traditionelles Design, moderne Technik, auf das Wesentliche reduziert.

Diese Beschreibung würde heute gut in die Marketingtexte von Triumph Thruxton, BMW R nineT oder anderer neuer Café-Racer passen. Mikes Idee entstand jedoch 1995, als einzig Kawasaki mit Estrella und Zephyr ein paar moderne Motorräder mit klassischem Design im Angebot hatte. Vom Revival der Café-Racer noch keine Spur.

Zeichnung von Tronti
Erster Entwurf (Abbildung: M.Etienne)

Die Basis: Triumph, Norton und Ducati

Als Ausgangspunkt diente ein Motor, der bei Zweizylinderfan Mike bereits seit geraumer Zeit auf eine Wiedergeburt wartete: Ein Parallel-Twin aus einer 79er Triumph Bonneville T140D 750. Dazu bekam er bald einen Rahmen geschenkt, bei dem er erst später herausfand, dass es sich um das Rückgrat einer Norton Manx von 1958 handelt. Beste Voraussetzungen für eine klassische Triton, mag man meinen. Doch dann brach der Künstler durch und die Idee, was ein Rocker der sechziger Jahre wohl gemacht hätte, wenn er als Zeitreisender zum Beispiel mal eine moderne Ducati hätte pilotieren dürfen. Hätte er sich vielleicht ein paar Fahrwerkskomponenten mitgebracht, um den Jungs am Ace-Café zu zeigen, wie schnell man wie schräg fahren kann? Die Zeitreise brauchte Mike nicht, aber ein Ausflug auf der Monster eines Freundes brachte die Idee, das Fahrwerk solle von Ducati sein. Upside-Down-Gabel und Räder einer 94’er Ducati 750SS fanden sich mitsamt einiger Kleinteile glücklicherweise schnell auf dem Gebrauchtmarkt. Der Grundstein war gelegt und für Mike begann eine drei Jahre andauernde Arbeit an seiner Idee vom ganz persönlichen Motorrad.

Probieren, Denken, Zeichnen, Probieren,….

Es folgten diverse Einkäufe bei einschlägigen Händlern und die Bestellung einer einzelangefertigten Schwinge, die den alten Rahmen mit dem über dreißig Jahre jüngerem Hinterrad samt Bremsanlage in Einklang bringen sollte. Der Motor wurde überholt und verfeinert. Die ersten Probeaufbauten versucht. Dass dabei die polierten Teile dem ästhetischen Empfinden nicht genügten und nochmals glasperlgestrahlt wurden, und auch am historischen Rahmen die Flex angesetzt wurde, ist wohl als Freiheit des Künstlers zu interpretieren. Frevel wäre das Wort, was die Authentizitätsverfechter wählen würden. Ein fünf Gallonen Manx Tank wurde modifziert, damit die neue Gabel genügend Bewegungsfreiheit bekam, zahlreiche Details ersonnen, geplant und verwirklicht. Nach fünf langen Monaten kam die maßgeschneiderte Schwinge. Und passte vorne und hinten nicht – gar nicht. Weder passte die Schwinge in den Rahmen noch das Rad in die Schwinge. Erst nach „drastischer Chirugie“ fügte sich das Puzzle zusammen und die Montage, weiterhin nach dem Modus „probieren – denken – zeichnen – probieren – …“ konnte weitergehen. Inzwischen war mehr als ein Jahr vergangen. Weitere zwei Jahre später, pünktlich zu Mikes 40. Geburtstag 1998, hatte Tronti sein Rollout. Tronti? Ja, auch der Name des Motorrades wurde detailversessen über einen längeren Zeitraum mit verschiedenen Zwischenstufen entwickelt. Ein Anagramm von Triton, in dem nun zwei Buchstaben auf die italienische Fahrwerksspenderin verweisen. Wenige Tage später war Tronti angemeldet, versichert und durfte endlich auf die Straße.

Tronti in der ersten Version
Tronti in der ersten Version (Foto: M.Etienne)

Nachdem ein begnadeter Freund dem Motor auf dem Prüfstand Manieren beigebracht hatte, konnte der Spaß beginnen. Ein Spaß, der vor allem durch extreme Vibrationen begleitet wurde. Tronti wurde im Alltag gefahren, zum Touren missbraucht und auf Spaßrennen geschunden, wobei es gelegentlich herausfordernd war, eine geeignete Startklasse zu finden. Der Motor wurde mehrfach überholt und weiter verbessert. Den Vibrationen wurde mit neuen Motorhalterungen begegnet und wenn es die Lebensumstände erforderten, gab es temporär auch mal zwei Sitzplätze auf dem Artbike.

Die Geschichte geht weiter

Irgendwann geriet Tronti aus dem Fokus seines Erschaffers. Längere Auslandsaufenthalte des Künstlers und die Anschaffung weiterer, aktueller Zweizylinder, deren Zuverlässigkeit unbeschwertes Reisen und Rasen ermöglichten, ließen das Dreierlei-Bike in den Hintergrund treten. Doch vergessen wurde Tronti nie. Nur, ein Café-Racer in unserer Zeit, das ist nicht nach dem Geschmack von Mike Etienne:

„As soon as the Factories start to market a Cafe Racer, the uniqueness starts to go!“

Und getreu dem Motto „A bikers work is never done“ erfährt Tronti gegenwärtig wieder einen Neuaufbau in Richtung Flat Track, Bobber, Hot-Rod… Erste Ansätze sind der Ersatz des mürbe gewordenen Aluminiumtanks mit einem modifizierten Spritbehälter einer Suzuki GT 750 und ein komplett neues Heck aus eigener Fertigung. Fest steht auch der Name: Dem „Tronti“ wird der Beiname „Köter“ zugefügt, was auf die Fortsetzung eines vielfältigen Komponentenmix hinweisen soll. Wir bleiben dran und werden berichten.

Aktueller Neuaufbau von Tronti
Aktueller Neuaufbau mit neuem Tank und Heck (Foto: M.Etienne)

Viele Fotos vom Aufbau und ganz am Ende Tronti in Aktion gibts hier in Mikes Video:

Informationen über Mike Etienne: mikeetienne.com

 

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