Kunst und Motorrad, zwei Events in der Schweiz

Art & Wheels 2016

Vor einem guten Monat gab es gleich zwei Veranstaltungen, die Kunst und Motorrad als Themen kombinierten. In der Schweiz, direkt hinter der Grenze, waren Interessierte geladen, dem Zusammenhang beider Themen auf die Spur zu kommen. Oder auch einfach nur schöne Bikes und Bildnerisches zu bestaunen.

Überschaubar: Die Full Throttle Art Exhibition

Gäbe es einen Wettbewerb für den besten Namen eines Motorradevents, die „Full Throttle Art Exhibition“ wäre sicher einer meiner Favoriten. Angelockt vom verheißungsvollen Titel, verwirrt von der kaum lesbaren Webseite, wir mussten da hin. Was sich uns am 30. April 2016 dann im schweizerischen Gipf-Oberfrick präsentierte, war noch einmal ganz anders: Eher eine Art Nachbarschaftstreffen einer Galerie und Silberschmiede. Ein paar Motorradfahrer waren da, Bratwurst, Bier, Kaffee und Künstlerisches. Ein wenig Schmuck, ein wenig Textil, gemalte Motorräder auf Holz, handgedrechselte Baseballschläger sowie wertige Messer gab es zu betrachten und zu erstehen. Vor der Tür parkten ein paar 70’er Jahre Japaner, etliche Harleys von kurz und lange nach dem Krieg und gelegentlich kam weiteres Alteisen oder zeitgenössisches Fahrgerät an- und abgefahren.

Noch bevor ich den Helm abgenommen hatte, wurde ich von einem Schweizer Harleyfahrer ausgiebig zu meiner Zephyr befragt. Gegenseitiges Begutachten der fahrbaren Untersätze, anerkennendes Lob für stilvolle Umbauten und guten Pflegezustand. Nach gut 30 Minuten war alles gesehen, ein Kaffee, ein Foto und der Rest vom Tag war lang genug für eine ausgiebige Runde durch den südlichen Schwarzwald.

Vernissage à la moto:

Art & Wheels in der Kunstmetropole

Ohne Chance auf den originellsten Titel, aber dafür wesentlich intensiver beworben und anspruchsvoller angekündigt war eine Woche später die Art & Wheels in Basel.

Ob des Veranstaltungsortes waren die Erwartungen hoch, schließlich ist Basel Kunststadt. Das Internet listet ca. 40 Kunst und Designmuseen in Basel. Das Tinguely Museum, das Kunstmuseum Basel, die Kunsthalle Basel und die Fondation Beyeler mit regelmäßigen Ausstellungen von Weltrang machen Basel zur Kunstmetropole. Nicht zu vergessen, die jährliche Art Basel, bei der man genüßlich Baselitz, Richter, Polke und neuere Einzigartigkeiten shoppen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Ein ausgesprochen geeigneter Ort also, um der hohen Kunst des Motorradbaus und des Themas Motorrad in der Kunst angemessen zu huldigen.

Das als Begegnung auf Augenhöhe mit den großen Namen der internationalen Customizerszene angekündigte Event mochte diesem Anspruch vielleicht auf der pre-party am Freitag, der Samstagabendparty oder der Ausfahrt am Sonntag entsprechen, daran hatte ich aber nicht teilgenommen. Die „Show“ am Samstagnachmittag entsprach ziemlich genau dem Format Vernissage mit dem Hinweis „die Künstler sind anwesend.“ Wer die Eröffnungsrede verpasst hatte und die Künstler nicht schon vorher kannte, dem blieb die Perspektive des Zaungasts. Und  dieser bekam einiges zu sehen.

Das Motorrad als Ausdrucksmittel künstlerischer Ansprüche

Ca. 15 erlesene Custombikes von handverlesenen Meistern weltweit zusammenkuratiert waren in den Galerieraum gestellt worden. Ohne Podest, ohne Beschreibung, ohne Inszenierung. Einfach so. Man hätte alles befummeln können, sich draufsetzen können. Machte aber keiner. Vernissagepublikum hat Respekt vor dem Werk. Schließlich knibbelt auch keiner an Pollocks Ölbildern herum oder hustet auf Jeff Koons hochglanzpolierte Skulpturen.

Die ausgestellten Bikes zeigten beeindruckend, dass es im Motorradbau und Customizing eine Liga gibt, bei der die Ebene des (Kunst-) Handwerks verlassen wird und das Motorrad zum Ausdrucksmittel künstlerischer Ansprüche wird. Dazu hätte es gar nicht der Präsentation von Colanis Münch Mammut bedurft, durch die die anwesenden Werke geadelt und ansatzweise in einen kunsthistorischen Zusammenhang gebracht wurden.

Völlig kalt gelassen haben mich die parallel dazu gezeigten Werke der bildenden Kunst. Skulpturen, die unscheinbar auf schmalen Sockeln zwischen den Motorrädern platziert waren, Mischtechniken mit langmähnigen Totenköpfen auf Choppern oder Fotos, die zwar zweifelsohne professionell gemacht und schön anzusehen waren, sich aber künstlerisch nicht von den Bildern unterscheiden, die aus den einschlägigen Motorradlivestylemagazinen hinreichend bekannt sind.

Weniger hochgeistiges, aber umso originelleres gab es unter den Besucherbikes zu sehen, auch hier gern Totenköpfe aller Art, aber auch Spritbehälter mit Strickpullover oder amerikanisches Uralteisen mit Steampunk Applikationen.

Wer auffallen will, trägt Klapphelm

Das Publikum präsentierte sich überwiegend im Urban Hipster Style. Undercut, Vollbart und Karohemd, garniert mit Tattoos und Metall in künstlichen Körperöffnungen war Mainstream. Wer auffallen wollte, kam in Textilkombi mit Klapphelm. Mit Jeans und Lederjacke war ich komplett unsichtbar.

Unsichtbar war auch schnell der Inhalt meiner Geldbörse. Die 10 Schweizer Franken Eintritt, die zackig 1: 1 in Euro umgerechnet wurden, waren angesichts der üblichen 25 Franken für Ausstellungen in der Fondation Beyeler für das Gezeigte grade noch angemessen. 5 CHF fürs Bier sind in Basel marktüblich und das szenemäßig unvermeidliche Pulled Pork vom Grillweltmeister schlug mit 15 CHF pro gefülltem Brötchen zu Buche. Die alternativ angebotenen Rindsburger waren allerdings wirklich großartig. Bei zwei Personen mit gleichen Verzehrgewohnheiten waren wir also flotte 60 EUR für die Minimalversorgung los. Auch finanziell war der Anspruch demnach durchaus gehoben, aber für Schweizer Verhältnisse nicht ungewöhnlich.

Mit ein paar Wochen Abstand bleibt die Erinnerung an eine Veranstaltung, die deutlich mehr Vernissage- als Motorradeventcharakter hatte. Wer nicht dazugehört, bleibt Beobachter. Hipsterstyle wird Mainstream. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr wieder hin, aber dann mit Party und Ausfahrt, denn die Begegnungen auf Augenhöhe habe ich in diesem Jahr nicht erlebt. Einen Bart lasse ich mir dafür übrigens nicht wachsen und die Haare bleiben auch dran, ein bisschen Individualität muss schließlich sein.