Ace-Café Reunion, Brighton Burn-Up. Wunsch und Wirklichkeit, Zweiter Teil

Ace-Cafe

Fiktion zwei

Dass die Vorstellung von unserer Reise zur Ace-Café Reunion nur im Detail dem entsprach, was wir uns vorher vorgestellt hatten, ist dem geneigten Leser bereits im letzten Artikel dargestellt worden. Und es ging genau so weiter. Samstagmorgen mit den Rockers zum London Ride out Richtung Battersea Park, im Pulk der Cafe-Racer auf gesperrten Straßen durch London. Dann den ganzen Samstag Party, um am Sonntag mit tausenden anderer Motorradfahrer gemeinsam die gut 100 Fernstraßenkilometer nach Brighton unter die Räder zu nehmen. Schließlich am Madeira Drive das größte Motorradfest Europas feiern. Rock’n Roll den ganzen Tag und Rumble in Brighton tonight. So der Plan.

Ausschlafen statt Ride out

Nachdem wir am Freitag unsere erfolgreiche dreizehnstündige Anfahrt bis spät, sehr spät, in die Nacht am Ace-Café gefeiert hatten, war am Samstagmorgen die Abfahrtszeit des „Cafe-Racers & Rockers Ride-Out“ bereits verstrichen, als wir das erste Tageslicht erblickten. Wir wollten auch gar nicht mehr so unbedingt mitfahren, denn ein typisch gut vorbereiteter und informierter Deutscher hatte uns am Vorabend ja bereits gesagt, der Ausflug sei nur für Café-Racer und mit unseren seriennahen Brot & Butter Bikes dürften wir ohnehin nicht mitfahren. War natürlich Quatsch, wer da war und mitfahren wollte, fuhr auch mit. Wie hätte so ein Reglement auch durchgesetzt werden sollen und warum sollte es solche Regeln geben?

Acé-Cafe ReunionNun ja, die falsche Anweisung war unsere Ausrede für einen späten Start in einen sehr gemütlichen Vormittag. Vor dem Ace-Café war eine Bühne aufgebaut, diverse Bands rockten und rollten, das Ace-Cafe verkaufte Devotionalien und die unvermeidlichen Damen der Carole Nash Versicherung promoteten und dekorierten das Fest nach Kräften. Ein interessantes An- und Abfahren einer kaum überschaubaren Vielzahl an überwiegend klassischen und umgebauten Motorrädern mit einer mindestens genauso vielfältigen Mischung an Menschen. Rocker trafen auf Anzugträger, selfiehungrige Teenies auf Rentner mit und ohne Gehhilfe. Frauen, Männer, schwarz, weiß, bunt. Das pralle Leben, wie ich es mag.

Am frühen Nachmittag die Vergabe der Preise für die besten Maschinen in verschiedenen Kategorien. Erfolgshungrigen sei empfohlen, im nächsten Jahr mit einem Harley-Davidson Cafe Racer anzutreten. Da Vertreter dieser Kategorie von den Preisrichtern auf dem Gelände nicht ausgemacht werden konnten, blieb der Preis unverliehen.

London zum Zweiten

Am Nachmittag zog es uns dann doch noch einmal in den Bann der größten Stadt Westeuropas, wenn wir schon mal da sind, wer weiß schon, wann wir wiederkommen. Und außerdem hatten wir ja Insider-Informationen über die coolsten Hotspots der Szene. Das Training vom Vorabend zahlte sich aus und mit zunehmender Selbstverständlichkeit und entspanntem Lächeln zogen wir unsere Kreise durch die Stadt und um die zweispurigen Verkehrsteilnehmer. Zunächst nach Fulham, wo sich bei Georgeous Bikes nach „ausschließlich europäischen“ Lederjacken stöbern lässt. In der Fulham Kitchen konnten wir gesund in bester Qualität zum fairen Preis speisen. Die freundliche Bedienung und die Atmosphäre des kleinen Restaurants machten Lust auf mehr von der aufstrebenden Crafts, Analog, Bio, DIY und sonstigen Szene, die den Hipster von heute prägt. Also los, quer durch die Stadt zur Brick Lane, dem nächsten Insidertip, Schmelzpunkt zeitgenössischer Urbanität laut gut unterrichteter Kreise. Bei Nacht in LondonAm Abend zeigte sich die Brick Lane allerdings eher als indisch geprägte Fressmeile, deren halbes Publikum aus Schleppern zu bestehen schien, die umherschlendernde Touristen in das jeweilige Restaurant ihrer Arbeitgeber bugsieren wollten. Ein ähnlich um das Wohl der Gäste in Brick Lane bemühter, gut betankter Herr wies uns Parkplätze zu und unterbreitete das Angebot, sich um unsere Abendunterhaltung zu kümmern. Alkohol, Drogen, Frauen, Männer und vieles mehr hatte er im Angebot. Sein Redefluss stoppte erst bei meiner Antwort auf seine Frage nach dem Grund unseres Besuches in London. Die Nennung der Ace-Café Reunion beendete schlagartig sein Interesse an uns, augenblicklich wünschte er einen schönen Abend und verschwand. Sollte der Rocker-Mythos tatsächlich noch existieren? Welches Image haben Ace-Café Besucher in London? Hatte er Sorge, dass die gesamte Rockers Community hier aufläuft, wenn er uns über’s Ohr haut? Fragen, die offen geblieben sind.

Start zum Brighton Burn Up

Einer der wenigen Momente, die zunächst erwartungsgemäß abliefen, war der Start zum Brighton Burn-Up am Sonntagmorgen. Pünktlich um 10:30 Uhr fanden sich jetzt wirklich hunderte, vielleicht mehr als tausend Motorradfahrer am Ace-Café ein und wurden zunächst auf Parkpostitionen gelotst, von denen es nach kurzer Wartezeit direkt losging. Die Straßen gesperrt bis zur Auffahrt auf die North-Circular schob sich eine endlose Schlange Motorräder in wenig mehr als Stop & Go Tempo auf die Schnellstraße. Soweit das Auge reichte: Motorräder, sonst nichts. Auf den Brücken und am Straßenrand winkende Schaulustige, auf der Fahrbahn erstaunlich entspannte Autofahrer, denen auf Leuchttafeln sicherheitshalber noch der Hinweis „Look out for bikes“ mitgegeben wurde. Mit steigendem Tempo löste sich der Zweiradkonvoi mit der Zeit auf und die Fahrt unterschied sich zunächst kaum noch von einer beliebigen Autobahnfahrt. Doch so sollte es nicht bleiben.

Serge machte mich darauf aufmerksam, dass mein Hinterreifen offensichtlich Luft verlor und ein Stopp am Randstreifen brachte Gewissheit: Hunderte Motorradfahrer starteten zeitgleich am selben Ort, fuhren dieselbe Strecke und ganz genau einer davon fuhr sich einen undefinierbaren Metallstreifen in den Reifen – dieser eine war ich!

Kein Engel für Jimmy

Eigentlich ging ich davon aus, dass innerhalb weniger Minuten ein hilfsbereiter Motorradkollege mit Pannenspray, Auslandsschutzbrief oder einem Haufen Mitleid und guter Ratschläge anhalten würde, doch seltsamerweise ebbte genau in diesem Moment der Strom der motorisierten Zweiradfahrer ab. Nur vereinzelt zogen noch einige Motorräder auf der Überholspur vorbei, zu schnell um uns zu bemerken oder gar anzuhalten. Sehr schnell hingegen hielt ein britischer Kleintransporter, dessen Fahrer uns mit ersten Notrufnummern versorgte, und noch während ich mit diversen Warteschleifen von durchgehend nicht zuständigen Pannendiensten kämpfte nahte die Rettung. Ein gut abgehangener Transporter mit der verheißungsvollen Aufschrift „Bike Doktor“ stoppte. Wie sich herausstellte, war es tatsächlich ein spezialisierter Motorrad-Pannendienst aus Southampton, der –kaum zu glauben- zufällig in der Gegend war und nichts mit dem Brighton Burn Up zu tun hatte. In weniger als fünf Minuten war die malade Zephyr im Transporter verstaut und wir auf dem Weg zur Tankstelle am Flughafen Gatwick, wo ich Pannenspray kaufen konnte und wir den Reifen wieder auffüllten. Eine kurze Runde um den Block, nochmal Luft nachgefüllt und das Problem war gelöst. Der Bike Doc ließ noch seine Karte da und bot uns an, innerhalb von drei Stunden mit einem Ersatzschlauch und Werkzeug zurückzukommen. Das Angebot lehnten wir dankend ab, schließlich deutete alles darauf hin, dass wir uns in weniger als einer halben Stunde ins Brightoner Getümmel stürzen konnten. Dachten wir.

Leider hielt die Freude nur wenige Kilometer, dann ging dem Rad erneut die Luft aus. Wir schafften es noch grade bis zu einer Parkplatzvermietung mit Waschservice, dann schlackerte der Reifen nur noch haltlos auf der Felge herum. Immerhin, die Sonntagsbesatzung des Park- und Waschservice bemühte sich nach Kräften, uns zur Weiterfahrt zu verhelfen. Pannendienste wurden im Internet recherchiert, ich telefonierte mit mindestens sechs verschiedenen Services, das beste Angebot war eine Abholung in ca. fünf Stunden. Ich war nur einer von vielen Gestrandeten an diesem Tag und vor allem einer ohne Schutzbrief oder sonstigem Mobilitätsvertrag. Wir fanden auch heraus, dass es einen Reifenhändler in der Nähe gab, der sogar sonntags geöffnet hatte. Laut Internet noch eine halbe Stunde. Also machte sich Serge auf den Weg, den Reifenmonteur vom Feierabend abzuhalten, während ich schon mal das Hinterrad ausbaute, damit wir es anschließend dort reparieren lassen konnten. Das Rad war schnell ausgebaut, genauso schnell war Serge zurück mit der Information, dass die Werkstatt nur Autos bereift, aber ein benachbarter Motorradhändler für den nächsten Tag Hilfe versprach. Uns blieb nichts anderes übrig, als meine treue Zephyr zurückzulassen, mein Gepäck beim freundlichen Service zu deponieren und die Reise zu zweit auf Sergen Triumph Thunderbird Sport fortzusetzen. Schließlich war ja jetzt alles geregelt, am nächsten Tag würde alles gut werden.

Kein Rumble in Brighton

So eine Thunderbird Sport ist ein tolles Motorrad, zumindest solange man nicht zum Beispiel mit zwei Kerlen und einem großen Rucksack mehr als 200 kg auflädt. Der schöne, hochgelegte Aupuff sorgt dafür, dass die Soziusfußrasten ungefähr 10 cm unter der Sitzbank liegen und mir wurde klar, dass ich erstens deutlich mehr Bauchumfang besitze, als sich das Triumph Designer so vorstellen, und zweitens dass es mit meiner Beweglichkeit auch nicht mehr allzuweit her ist. Nachdem ich beide Füße mit Unterstützung der Hände auf den Rasten untergebracht hatte, konnte es losgehen. Wir waren ein schönes Paar, noch nie hatte ich so viel Aufmerksamkeit, wenn ich an Straßencafes vorbei gefahren bin. Es hatte etwas von einer Zirkusvorstellung, nur dass diesmal der Bär und der Elefant gemeinsam auf einem Motorrad fuhren.

Gegen 19 Uhr kamen wir in Brighton an.  Am Madeira Drive war die Party vorüber. Wir hatten gedacht, dass hier bis tief in die Nacht gefeiert wird, doch wir sahen nur noch, wie die Händlermeile abgebaut wurde und auch die letzten Motorradfahrer sich auf die Heimreise machten. Entschädigt wurden wir mit einem unglaublich langsamen, wunderbaren Sonnenuntergang auf der Brighton Pier. Fish & Chips und Bier dazu, Entspannung machte sich breit. Das Großevent aus Continental Run, Ace-Café Reunion und Brighton Burn Up war Geschichte. Wir hatten unsere eigene Version erlebt, anders als erwartet und dennoch schön, spannend und interessant.

Brighton sunset

Das diabolische Finale

Der nächste Morgen begann nass. Zwischen zwei Schauern fuhren wir zurück zur Parkplatzvermietung in Crawley, Nachtlager meiner Kawasaki und meines Gepäcks. Beim Betreten des Büros nahm ich sofort die Veränderung wahr. Aus den zwei freundlichen, hilfsbereiten Damen waren sechs regungslose Roboter an Ihren Schreibtischen geworden, kein Blick wendete sich von den Bildschirmen zu mir. Noch bevor ich grüßen konnte, materialisierte sich aus dem Nichts ein gedrungener, muskulöser Humanoid vor mir, der augenblicklich damit begann, mich anzuschnautzen. Was mir einfiele mein Motorrad mitsamt Gepäck über Nacht dort einschließen zu lassen. Der Platz sei ein Business, er verdiene sein Geld mit der Vermietung der Plätze, meine Panne sei nicht sein Problem und so fort. Meine Entschuldigung und der Verweis auf die Unbeweglichkeit meines Fahrzeuges wurden ignoriert. Mein Vorschlag, den wertvollen Platz zu mieten, abgelehnt. Hier ging es nicht ums Geschäft, hier ging es ums Prinzip. Immer wieder die ultimative Forderung, wir hätten sofort das Gelände zu verlassen. Keine Diskussion! – Ich roch verbrannten Schwefel. Auf dem haarlosen Kopf meines Gegenübers erkannte ich deutlich zwei Höcker. Und war das nicht ein dürr behaarter Schwanz mit pfeilförmigem Ende, der an seinem Hinterteil baumelte und auf den Bocksfuß zeigte? Flammen züngelten aus dem Boden, der Herrscher der Unterwelt ist ein Parkplatzvermieter aus Crawley!

ReifenrucksackBevor es zu Handgreiflichkeiten kam, bugsierten Serge und ich unsere Habseligkeiten und die Motorräder vor das Tor zur Hölle. Der Rest ist schnell erzählt: Serge brachte erst unser Gepäck zum bereits bekannten Motorradhändler, holte dann mich mit dem platten Hinterrad. Das Aufnehmen der Kundendaten im Motorradhaus dauerte exakt so lange wie die Reparatur des Reifens. Die ganze Fuhre zurück, das Rad am Straßenrand wieder eingebaut und ein abschließender Kaffee bei Charlies Deli, dessen Bedienung so extrem freundlich und warmherzig war, dass der Parkplatzunhold zügig in Vergessenheit geriet.

Hier trennten sich unsere Wege, Serge machte sich auf der Insel in Richtung Südwesten auf, während ich mich gen Dover auf die Rückreise machte. Von einer schwer schlingernden Fähre mal abgesehen, verlief die Rückreise übrigens genauso wie erwartet.

Fazit: Eine Panne ist kein Drama. Das eine wird verpasst, das andere erlebt. Hilfsbereite, freundliche Menschen sind in der Überzahl.
Wenn immer alles nach Erwartung verliefe, könnten wir dann nicht schon vorher erzählen wie es war und letztlich gleich zu Hause bleiben?

Update: Inzwischen gibt es auch einen Film von der Reise.

Einen Beitrag zur Reise zum Ace Cafe in 2017 gibt es hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.