Ace Cafe Reunion und Brighton Burn Up 2017 mit Nachwuchsförderung

Ace Cafe Reunion und Brighton Burn Up 2017

Nachdem der Winter sich dem Ende neigt und Wartezeit auf die anstehende Saison mit Schrauben und Filme gucken überbrückt wurde, hier ein Rückblick und eine Empfehlung auf ein Highlight der letzten Saison: Eine dreitätige Reise zur Ace Cafe Reunion in London und zum Brighton Burn Up, gespeist mit Eindrücken, die locker zwei Wochen füllen können. Diesmal war der ältere Sohn (13) dabei, eingestimmt mit Quadrophenia und Pete Townsend´s Windmühlentechnik als reisevorbereitendes Bildungsprogramm.

September 2017. Hin und weg. Drei Tage Zeit.

Limitierende Elemente waren bei dieser Reise die Zeit und die Strecke. Mit einem 13-Jährigen auf dem Sozius an einem Tag bis London geht vielleicht gerade noch. Wenn am Montag der Hintern wieder vom Sozius auf die Schulbank wechseln muss und dort eine Aufnahmefähigkeit zumindest vorgetäuscht werden muss, ist der Rückweg am Sonntag nicht auf dem Motorrad machbar. Weil es aber ohne Motorrad in London keinen Spaß bringt, sind wir auf einen gemieteten Transporter ausgewichen.

Kurzer Abriss der Anreise:
12:30 Uhr Motorrad verladen, Gepäck einwerfen und ab zur Schule.
13:30 Uhr Unterrichtsende und Abfahrt,
14:00 Uhr der erste Stau in Duisburg.
Nächster Stau bei Brüssel, der den gesamten Zeitpuffer aufzehrt.
19:00 Uhr Abstellen des Autos in Belgien in De Panne auf dem
Parkplatz am Plopsaland, 60 km vor Calais. Ausladen, Umziehen und los.
Zu spät

„You are too late, the next train will depart at 10:40 pm“

Eurotunnel. Endzeitstimmung für eine halbe Stunde

Das teilte uns der Abfertigungsautomat mit. Späteste Ankunft in Calais am Terminal für den Eurotunnel war um 19:50 Uhr. Wir waren um 19:55 Uhr da. Weil am Terminal des Eurotunnels nicht nur Automaten arbeiten, sondern auch menschlicher Kontakt und somit Auslegungsspielraum vorhanden ist, zog ich den Joker und verwies auf den müden Zustand des Sohns. Trotz vorab fest gebuchter und dann doch verpasster Abfahrt war das Personal sehr kulant, 40 Minuten später waren wir an Bord.

Zum ersten Mal bin ich durch den Eurotunnel gefahren, kann es sehr empfehlen. Die Stimmung und Optik am Terminal hat etwas von Mad Max, die Waggons hässlich wie die Nacht und im Zug gibt es keinen Sitzplatz. Trotzdem ist die Fahrt besser auszuhalten als ein Trip mit der S-Bahn durch’s Ruhrgebiet. Ein Grund ist, dass im Eurotunnel mehr Gleichgesinnte mitfahren. Motorradfahrer landen bei der Überfahrt in einem Sammeltransport, somit ist ein Austausch über das Woher, Wohin und Warum gesichert. Oder auch darüber, dass italienische Motorräder nicht mit Treckersprit fahren. So erging es einem dänischen Guzzi-Fahrer, der an der Tanke sein Fass mit Diesel gefüllt hatte und das Zeugs wieder raus musste. Die Leidensgeschichte zu erzählen dauert exakt so lange wie die Durchfahrt nach England. Nach etwa einer halben Stunde wurden wir in Folkestone erlöst ausgespuckt.

Reif für die Insel

Zwei Möglichkeiten gibt es, um aus östlicher Richtung in den Nordwesten Londons zu kommen. Entweder schnell per Motorway die City umrunden oder mitten durch die Stadt. Wir entschieden uns für die kürzere Route, also durch die City. Am Abend durch London zu fahren hat was. Gerüche, Lärm, Menschen, Bilder die man kennt, aber zum ersten Mal live sieht. Um 23 Uhr waren wir endlich am Ace Cafe. Der Andrang war eher übersichtlich. Kleine Runde über den Parkplatz, kleines Bierchen und ´ne Limo, mit dem Motorrad zum Hotel nebenan, umziehen und nochmal raus. Wer zu der späten Uhrzeit am Ace Cafe ankommt, tut gut daran, vorher nochmal den Magen zu füllen. Haben wir nicht gemacht und so begaben wir uns per Pedes auf eine kleine Odyssee.

In Fußweite zum Ace Cafe gibt es kein Restaurant oder etwas, was sich als solches ausgibt. So entern wir eine Tankstelle. Die Zapfstelle wird von zwei Indern geführt, die ein vorzügliches Chicken-Curry servieren. Da fährt man 11 Stunden durch die Gegend und sitzt nachts um halb zwei im Londoner Nordwesten in einer Tankstelle, schaufelt sich mit einer Plastikgabel Chicken-Curry rein und ist zufrieden. Und müde.

Die Tanke befindet sich übrigens in Spuckweite zum Ace Cafe. Einfach die Brücke über die North Circular Road nehmen, geradeaus halten, direkt rechts ist das als Tankstelle getarnte Kleinod indischer Kochkunst zu finden.

Der Samstag

Der Samstag brachte Ace-Programm mit Rock ’n’ Roll, bunten Leuten, sehens- und hörenswerten Motorrädern, betrieben von patinierten Windgesichtern. Wir schlossen uns dem Ride with the Rockers an und verschwanden im Pulk Richtung Battersea Park, entgegen einiger Warnungen. Gewarnt vor halbirren Rasern, die ohne Rücksicht mit mindestens 100 km/h die City unsicher machen. „Kannste mit dem Jungen nicht machen.“ Mit Bedenkenträgern diskutieren bringt nichts, also einfach ignorieren. Die Fahrt mit den Rockers ist nichts für jeden Samstag, hat aber Laune gemacht. Klar sorgt ein Pulk mit etwa 100 Motorrädern in der City für Aufsehen. In London regt sich aber niemand darüber auf. Und gerast wurde überhaupt nicht. Ein paar Spezialisten überprüften dauerhaft im Leerlauf, ob der Drehzahlbegrenzer an ihrem Vierzylinder verlässlich arbeitet, das war’s aber auch schon an Auffälligkeiten. Viel Lärm um Nichts. Der Ride with the Rockers ist nicht nur für die gehärtete Fraktion der Cafe Racer-Treiber, sondern für alle, die Bock darauf haben. Kann man also auch mit der Jugend auf dem Sozius machen. Und selbst wenn hemmungslos am Hahn gezogen würde – man muss ja nicht mitmachen. Also einfach eintauchen ins Geschehen und genießen. Es lohnt sich.

Viele Möglichkeiten – wenig Zeit.

Wir entschieden uns dazu, möglichst viel zu sehen, ohne zu tief einzutauchen. Am Battersea Park trafen wir Harald, dessen etwas angegriffene BMW 1200 LT eher nicht dem Klischee der Racer und Rockers entsprach. Er schloss sich unserem Plan an, ein Londoner Sightseeing zu machen und begleitete uns Richtung Bike Shed, sehr souverän das 380 kg Bajuwaren-Raumschiff durch die Lücken in den Blechschlangen bewegend. Ganz überraschend: wenn ich glaubte, er sei im Stau stecken geblieben, stand er an der nächsten Ampel wieder neben uns und presste Nickelback aus seinen Lautsprechern, eher in Stadt- als in Zimmerlautstärke. Die BMW – von ihm als daily bitch bezeichnet – war mit einer gewissen Patina gepudert. Ich hoffe, dass mittlerweile die Hinterradbremse wieder funktioniert…

Bike Shed London
Einfahrt zum Bike Shed. Nicht lange fackeln, einfach durchfahren.

Bike Shed – unbedingt entern.

In vier alten Backsteingewölben gibt es eine Ausstellung mit sehenswerten Motos, einen Shop für alles Angesagte von Kopf bis Fuß, eine Gastro und einen Parkplatz. Wessen Locke nicht ganz zeitgemäß liegt, der lässt sie sich im Hinterzimmer in gepflegter Atmosphäre schnippeln, legen und mit ordentlich Schmiere versiegeln. Die Durchfahrt zum Parkplatzgewölbe geht mitten durch den Außenbereich der Gastro. Absolut unterhaltsam, beim Essen den ankommenden und wegfahrenden Gästen die geforderte Aufmerksamkeit zu schenken. Sollen sich ja alle wohlfühlen. Alles etwas eng dort, also besser die Beine anziehen und Platz machen. Interessant ist der Unterschied der Leute im Ace Cafe und der Besucher des Bike Shed. Zwei Planeten, aber beide im selben Kosmos. Nach einem Snack sind wir aus dem Parkgewölbe längs durch den Biergarten des Shed in Richtung Tower Bridge verschwunden.

Kurzer Rundgang, ein paar Fotos und weiter. Am Buckingham Palace die Triumph direkt am Tor abzustellen sorgt für Aufregung, also besser nicht nachmachen. Das Wachpersonal nimmt den Job ernst und wird schnell ungehalten. Richtung Tower kamen wir an einer Anti-Brexit-Demo vorbei und machten Halt. Wieder kurze Info vom Ordnungshüter, wo geparkt werden darf und wo nicht. Sehr cool ist die Bestimmtheit, mit der Uniformierte informieren, aber auch deren Freundlichkeit.

Nun, was bringt das?

Den ganzen Tag mit dem Motorrad durch’s Stadtgewühl, durch Staus fahren, hier und da halten, schauen, riechen, und hören. Sich treiben lassen, Eindrücke sammeln, halten wo es schön oder zumindest interessant ist. Einerseits kratzen wir nur an der Oberfläche, sammeln aber trotzdem so viele Eindrücke, dass wir die Faszination, die London ausstrahlt, erleben können. Und das geht wirklich am besten mit dem Motorrad, weil es faktisch keine Staus gibt. Taucht einer auf, fährt man eben dran vorbei. Keiner hupt, keiner regt sich auf. Eine Alternative wäre noch das Fahrrad, das vielleicht beim nächsten Mal getreten wird. So ging der Tag dahin. Hin über die Themse, zurück über die Themse, Halt hier, Halt dort. Am frühen Abend waren wir zurück am Ace Cafe, noch eine ordentliche Packung Rock ’n’ Roll genommen, ein paar Gespräche, ein wenig Bier (bzw. Limo). Und: Mopeds gucken.

Sonntagsausflug. Ab nach Brighton

Zur Ace Cafe Reunion gehört das Brighton Burn Up wie die Mutter zur Schraube. Das Wetter war wenig einladend und vorm Hotel in London mehrten sich Aussagen zu Stürmen und Unwetter an der Südküste. Man hüte sich vor Bedenkenträgern und ignoriere sie. Schrieb ich bereits? Ach was!

Unser Plan war es, ein Technikmuseum südlich von London zu besuchen und dann langsam wieder Richtung Folkestone aufzubrechen. Das Wetter wurde entgegen der düsteren Prophezeiungen nicht schlechter, wir änderten den Plan, das Museum blieb links liegen und wir kamen am Nachmittag in Brighton an. Die Vielfalt an sehenswerten Motorrädern am Ace Cafe wurde nochmal getoppt. Etliche bekannte Nasen aus London waren auch hier wieder zu finden, ergänzt durch Menschen, die ohne den Umweg über London in Brighton ihr Ziel fanden.

Wir tauchten ein in Livemusik, Merchkram, Händler, Schrauber und Freaks. Schön wäre es gewesen, bis zum Abend in Brighton zu bleiben und am Montag wieder nachhause zu reisen. Leider machte die Schulpflicht einen Strich durch die Rechnung. Gegen 17 Uhr verließen wir die Szene, machten uns an der Küste entlang auf den Weg
nach Folkestone. Über Seaford, vorbei am Beachy Head an der Stelle, an der sich Jimmy Cooper mit dem Roller, den er zuvor Ace stibitzt hat, über die Klippe geschwungen hat. Weiter nach Hastings und über Rye zum Eurotunnel. Gegen 22 Uhr waren wir zurück in Belgien in De Panne am Plopsaland, verluden das Zweiradgeraffel in den Transporter und ab ging’s nach Hause. Der Nachwuchs hat die ganze Rückfahrt im Auto gepennt. Nachts um 2 waren wir zurück, sein erster Laut war: Das machen wir nächstes Jahr wieder…

Quintessenz

Die Ace Cafe Reunion ist auf jeden Fall eine Reise wert. Wenn die Zeit knapp ist, muss abgewogen werden, was alles angeschaut wird und was links liegen bleibt. Herausragend ist, wie entspannt in England mit Motorradfahrern umgegangen wird. Es gab weder auf dieser Reise noch jemals vorher irgendwelche kritischen Situationen im Straßenverkehr, Genörgel aus Autofenstern oder sonstige Unstimmigkeiten. Auf der Liste der kurzfristig erreichbaren Reiseziele steht England für mich ganz oben.

Links oder rechts

Häufige Frage ist die nach dem Linksverkehr. Mit dem Auto nicht schwierig und mit dem Motorrad einfach. Schauen, wie die anderen fahren und es genauso machen erspart das Nachdenken. Viel gefährlicher als das Fahren – vor allem in der Stadt – ist das Überqueren von Straßen als Fußgänger. Hier geht der Blick schon mal in die falsche Richtung. Also aufpassen, sich nicht vorher verrückt machen – einfach machen.

Mit oder ohne Nachwuchs

Reisen mit Kindern erfordert eine andere Planung. Zu lange Strecken sind nicht machbar. Und zu sehr komfortverwöhnte Quengelköppe lässt man besser daheim an der Playstation. Ein gewisses Grundinteresse an Fahrbarem sollte vorhanden sein, am besten aber Begeisterung. Zeiten und Pausen abstimmen, mitbestimmen lassen, Aufgaben verteilen, auf andere Menschen zugehen lassen. Schöne Sache. Unterwegs hilft es als Gespann aus Groß und Klein ungemein, mit Menschen ins Gespräch zu  kommen. Der Nachwuchs ist ein schöner Türöffner. Also einfach mitnehmen. Zumal die Zeit, die miteinander verbracht wird, sehr intensiv ist und zusammenschweißt.

Fähre oder Eurotunnel

Vor diesem Trip bin ich immer mit der Fähre nach England gefahren. Ein Argument war stets, dass das am ehesten dem Sinn des Reisens entspricht. Fahre ich auf eine Insel, führt eben der Weg übers Wasser und nicht unten durch. Nun war die Zeit knapp und die Fahrt durch den Tunnel ist wesentlich schneller als durch die Wellen.

Weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt passte unser vorab gebuchtes Ticket, trotzdem sind wir ohne Gemurre mitgenommen worden. Sehr freundliche Leute bei der Abfertigung.

Ticket ruhig vorher kaufen, weil wesentlich günstiger. Das gilt allerdings in erster Linie für’s Reisen mit dem Motorrad und außerhalb der sogenannten Hauptreisezeit. Eine Gewähr kann ich natürlich nicht geben, es muss aber auch kein Stress entstehen, wenn der eigentlich gebuchte Termin wegen verspäteter Ankunft platzt. Wenn Kapazitäten frei sind, werden sie unbürokratisch genutzt. Mir hätte dieses Wissen Stress bei der Anreise erspart.

Fazit

Relativ viel Planung für eine kurze Reise. Keine Motorradreise im fahrerischen Sinn. Eher ein Trip in die Welt einer Motorradszene, die ich ganz anders erlebe, als die in Deutschland. Keine Diskussionen über das Für und Wider bestimmter Stile, Früher-war-sowieso-alles-besser-Theorien oder sonstiger Schmarrn. Alles so machen, wie man will und alle anderen es so machen lassen, wie sie wollen. Spaß an dem haben, was man selber tut, ohne dauerhaft und fast schon zwanghaft alles kacke finden zu müssen, was dem eigenen Denken nicht entspricht.
Respekt! Einfach mal `ne Scheibe von abschneiden.

In 2015  waren wir ebenfalls in London und Brighton, hier nachzulesen in Teil 1 und Teil 2. Ergänzend dazu ist hier unser kurzer Film zu finden.

Bilder: MOTO VIE und Harald Rosca (HR)

2 Kommentare zu “Ace Cafe Reunion und Brighton Burn Up 2017 mit Nachwuchsförderung”

  1. Hach! Damals, bevor es das Ace Cafe wieder gab, habe ich das auch mal gemacht. Erst den Ride with the Rockers nach Bighton. Im Jahr darauf bin ich direkt nach Brighton gefahren, habe mir dort die National Speed Trials angesehen und auf die Rocker gewartet.

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