Continental Run, Ace-Cafe Reunion, Brighton Burn-Up. Wunsch und Wirklichkeit

Fiktion

Ein halbes Jahr Vorfreude auf das größte Motorradtreffen Europas.

Ace-Cafe-Reunion mit anschließendem Brighton Burn-Up. Dazu der vorgeschaltete Continental Run. Die Triumph ist geputzt und vollgetankt, ein paar Habseligkeiten aufgeschnallt, kann losgehen. Wir fahren am 11.09. nach Solingen zum Café Hubraum. Da sind bestimmt 200 andere Verrückte, alle gleichzeitig die Nase auf Calais gerichtet. Bloß rechtzeitig die Fähre buchen, Hotels ebenso, um nicht auf die Nase zu fallen. Auf dem Weg nach Calais stoßen immer mehr Fahrer dazu, vorwiegend aus Holland und Belgien, aber auch aus Frankreich, Spanien und Italien. Die Fähre wird voll sein mit Motorrädern.
Wir fahren im Pulk von Dover nach London. Klappt das überhaupt mit so vielen? Am Ace-Cafe abends großer Auftritt mit den Leuten vom Kontinent. Party bis spät in die Nacht, Rock‘ n Roll und Benzin sind die gesetzten Kernthemen. Am nächsten Tag geht die Party weiter. Sonntags nach Brighton, wieder Party bis in die Puppen. So war der Vorfilm im Kopf.

Realität

Nun, die Triumph war tatsächlich geputzt, das Gepäck verzurrt. Wir brachen pünktlich um kurz nach acht von Castrop auf nach Solingen. Zirkeln durch ein paar Autoschlangen, vorbei an den armen Schweinen, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Klappt gut an dem Freitagmorgen, alles soweit frei. Die Sonne lacht, die Stimmung perfekt. Endlich. Noch fünf Kilometer zum Hubraum, die Ersten kommen uns schon entgegen. Wow, der erste Aufbruch schon vor neun Uhr. Egal, sind noch jede Menge Leute dort. Noch’n Kaffee ziehen, dann im Pulk los. Noch hundert Meter zum Hubraum. Nix zu hören. Biegen um die Ecke und: Tote Hose!

Cafe Hubraum
9 Uhr: Tote Hose am Cafe Hubraum

Absolut kein Mensch da. Welcher Tag ist heute? Stimmt die Uhrzeit? Wo sind die alle? Das Café ist offen, ich trete ein, etwas muffelige Stimmung. „Die sind alle schon weg, sind schon um 8:45 Uhr gefahren, wollten die Fähre nicht verpassen. Waren ca. 35 Continental Runners.“ Gesehen haben wir maximal 15, die uns entgegen kamen. Den Kaffee haben wir dann doch noch getrunken. Wenn man im Hubraum sagt, dass man nach London fährt, gibt’s den Kaffee sogar für lau. Ich werde das demnächst nochmal ausprobieren.

Aufbruch und Ankunft

Wir fahren los im kleinstmöglichen Pulk, als Duett. Und das geht so weiter. Elende Autobahnkilometer. Pausen, Kaffee, Pullerbox, weiter. Ankunft in Dünkirchen rechtzeitig zur Fähre. Auf dem ganzen Weg dorthin haben wir maximal 10 Motorräder gesehen. Die Fähre war alles andere als voll, ein paar Motorräder, die Überfahrt ruhig. Ein paar Schwätzchen mit Weggefährten, ein Bier, Kreidefelsen, anlegen, aufsitzen, losfahren. Ziel London, North Circular Road. Das Ace Cafe wartet auf uns. Links fahren ist kein Problem, rechts überholen hatten wir bereits in Deutschland trainiert. Mein Billignavi hatte eine Abkürzung durch London im Visier. Wir folgten dem Teil blind und landeten in den prächtigsten Staus. Was für ein Moloch. Meine Wassergekühlte fing fast an zu kochen, eigentlich kein Problem. Jimmy’s luftgekühlte Kawasaki streikte aber irgendwann. So langsam machte sich ein wenig Aggression breit. Die japanische Diva wurde auf den Bürgersteig geschoben, um ihr ein wenig Abkühlung zu gönnen.

Angesprochen wird man in England häufig. Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin. Sehr cool. Immer ein kleiner Smalltalk. Sehr offen, die Insulaner, anders, als ich das von zuhause kenne. Dann war da aber dieser gutgelaunte Laberkopf deutscher Herkunft. „Ist ja schön in London mal Deutsche zu sehen“ sprach das Wesen. Das Motorrad streikt. Mitten in London. Am Freitagabend. Alle gehen sich amüsieren, das Ace Cafe in Reichweite und die Zephyr will nicht mehr. Und dann kommt so ein miesgutgelaunter Mensch des Weges. „Ist ja kein Durchkommen hier“ sprach ich zurück. „Für mich schon. Mit Rollschuhen geht das astrein.“ Hatte der einen Spaß. Ja sicher, dieser Allesrichtigmacher tickt tatsächlich auf Rollschuhen durch London. Und dann ist er auch noch der Schnellste. Bevor er sich den passenden Spruch einstecken konnte, war er auch schon wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Schade, als Projektionsfläche für unsere eigene Mieslaune war der damit verloren.

Um in London effizient mit dem Motorrad durch die Staus zu kommen, muss man sich passende Vorbilder suchen. Und die gibt es zahlreich: Das sind die Pizzaservicefahrer. Mit dem Roller durch die City, so akrobatisch, dagegen sind die Jungs, die zu fünft in der Todeskugel fahren, Warmduscher.

So tastet man sich ran, fängt an wie ein Schwein zu fahren und rechnet mit hupenden und keifenden Autofahrern, mit Polizisten, die einen rauswinken und fett zur Kasse bitten. Nichts dergleichen. In England ist das Durchschlängeln nicht mit Strafe belegt. Auf zwei Rädern hat man in London nahezu Narrenfreiheit. Ab auf die Busspur, rechts vorbei an der Verkehrsinsel, schnell noch vor dem Auto eingeschert, an der Schlange vorbei bis vorne an die Ampel. Alles ohne Gemaule. Das ist nun keine Aufforderung, in London unter Missachtung der Verkehrsregeln zu fahren. Eine vorsichtige Empfehlung ist es aber allemal wert. Und irgendwann fängt das tatsächlich an Spaß zu machen. Das hat nichts mit Motorradfahren im eigentlichen Sinn zu tun. Aber damit, um so schnell wie möglich von A nach B kommen, unter Ausnutzung der fahrzeugspezifischen Vorteile. Und weil das alle in London so machen, hängt man sich dran.

Endlich da

Ace Cafe
Ankunft nach 13 Stunden Fahrt am Ace Cafe

B war das Ace-Cafe, wo wir tatsächlich irgendwann ankamen. Die Stimmung dort war ausgelassen, jede Menge außerordentliche Maschinen, jede Menge buntes Volk.

Das Travelodge-Hotel in Fußweite war gespickt mit Motorradfahrern unterschiedlichster Couleur. Deutsche Warnwestenträger, Goretex-Fetischisten, eisenärschige Café-Racer-Fahrer auf alten Guzzis. Die Show mit den „Rockers“, die das Gesamtbild am Ace-Cafe prächtig garnieren und den 60er Geist wie eine Monstranz vor sich hertragen. Die Rockers. Sehr cooler Auftritt.

Was ist nun das Besondere an der Party im Ace-Cafe? Ich habe noch nie auf einem Motorradtreffen so ein buntgemischtes Volk gesehen. Und es sind alle auf Augenhöhe unterwegs. Es gibt kein dummes Gelaber über besser, schneller, irgendetwas Unpassendes oder Uncooles. Samstags laufen Anzugträger zwischen den Maschinen herum, eine alte Frau schwingt mit ihrem Rollator auf dem Platz umher, Volltätowierte und Sektschlürfer ganz entspannt nebeneinander und miteinander im Gespräch. Der Honda Innova Rollerfahrer klebt sich stolz seinen 59ers Aufkleber auf sein Windschild, daneben der finster blickende Harley-Pilot mit Skeletthand-Rückspiegeln. Das gibt es hier auch, aber dann wird gespottet. Und in England eben nicht! Und das ist das eigentlich geile am Ace-Cafe. Jeder ist so, wie er mag. Ganz häufig abseits der Norm, aber immer akzeptiert und nicht nur geduldet. Eine echte Community, keine Fraktionen, kein Gehabe. Es ist dort ganz normal, nicht normal zu sein.

Ein paar Sachen sind mir aufgefallen, echt ganz wertfrei erwähnt. Schaut man sich die Maschinen dort an, vorwiegend älteren Baujahrs, kann man schon am Sauberkeitszustand sehen, was hinten für ein Kennzeichen dran ist. Für Deutsche ist das Moto eher ein Putzzeug, für Engländer ein Fahrzeug. Und: Insgesamt habe ich dort nur drei GS gesehen, das war’s. Ganz vorurteilsfrei mal so erwähnt.

Nächstes Jahr wieder hin? Mal schauen. Da zu sein ist extrem cool. Hinfahren eher weniger. Es sei denn, man nimmt sich die Zeit für eine motorradgerechte Anfahrt. Heißt: Keine Autobahn, mehr sehen, mehr erleben und auf den Höhepunkt in Brighton besser einlassen.

Brighton Burn-Up

Was am Sonntag zwischen Ace Cafe London und Brighton Burn-Up passierte, gibt’s hier zu lesen.
Und wer nicht lesen mag, schaut sich einfach den Film an.

Einen Beitrag zur Reise zum Ace Cafe in 2017 gibt es hier.

2 Kommentare zu “Continental Run, Ace-Cafe Reunion, Brighton Burn-Up. Wunsch und Wirklichkeit”

  1. Ich bin auf den nächsten Teil gespannt. Ich war zweimal dort, aber das war im letzten Jahrtausend, da wer das Cafe noch ein Reifenladen, dem „Ride with the Rockers“ habe wir uns daher erst außerhalb Londons angeschlossen. Im Jahr danach war ich in Brighton auf den Speed Trials, die am Tag vorher liefen, und habe auf die Rocker gewartet.

    1. Der zweite Teil kommt in den nächsten Tagen. Den „Ride with the Rockers“ zum Battersea Park hatten wir ausfallen lassen. Schuld waren die Boddington Brauerei bzw. deren Getränke sowie eine Fehlinformation eines Schlaumeiers, der uns am Vorabend zu verstehen gab, dass nur Rockers auf Café-Racern mitfahren dürfen. Beim nächsten Mal sind wir schlauer…

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