Custombike. Saisonabschied 2018 in Bad Salzuflen

Wettertechnisch durch strömendem Regen perfekt auf das Saisonfinale eingestimmt, haben wir uns auf der Custombike in Bad Salzuflen getroffen. Hier das Erlebnis aus zwei Perspektiven:

Serges Senf

Zum Saisonende bin ich aus der Metropole Ruhr ins Ostwestfälische aufgebrochen und habe das Ohr auf das Gleis des Customizing- und Umbauzugs gelegt. Der poltert gemächlich durchs Land und nimmt trotz – oder gerade wegen – schlechten Wetters die buntesten Figuren auf. Überwiegend aber schwarz gekleidet. Meiner Wahrnehmung nach lässt das Tempo etwas nach, die Umbauwelle hat den Zenit überschritten und findet wieder ihren bewährten Fluss. Und das tut ihr gut.
Insgesamt bedient die Custombike-Messe vorrangig die Chopper-Szene, alle anderen Sparten funkeln etwas abgelichtet am Rande mit. Da stellt sich die Frage, ob der Begriff Customizing kampflos den Chopperfreaks überlassen wird und alle anderen einfach bauen, worauf sie Bock haben? Nur eben keine Chopper? Die Besucherzahlen, deren geschätztes Durchschnittsalter und der offensichtliche Interessensschwerpunkt lassen keinen Zweifel aufkommen, dass der Leitspruch „Save the Choppers“ hier noch richtig ernst genommen wird. Ein einziger, vereinsamter echter Streetfighter war zu sehen, womit diese Szene hier sicherlich den ihr gebührenden Raum gefunden hat. Nächstes Jahr wird auch dieser Solitär verschwunden sein und niemand wird es bemerken. Mittlerweile wirken die Karren wie Fossilien in einem ansonsten sehr lebendig gefüllten Meer.

Auf der Bühne konnten wir über zwei Präsentationen staunen, moderiert vom nörgelnden Urgestein Martin „Tante“ Reuter. Gezwungen interessiert watscht die liebe Tante die Macher einer getunten Z900 unter anderem wegen zu viel Leistung ab. Der Marketingmann von Triumph bekommt danach sein Fett weg mit dem Hinweis, dass an der neuen Scrambler jede Menge Zeug ist, das ohne weiteres abgeschraubt werden kann. Meine Frage wäre, warum es eine Serien-Triumph auf die Bühne der Custom Bike-Messe schafft. Egal, muss ja nicht alles verstehen. Es wird ja wohl nicht um Geld gehen, oder?

Die Pause wurde von Tante Reuter mit dem Hinweis ans Publikum angekündigt: „Ihr könnt dann jetzt mal alle gemeinsam Kacken gehen.“
Ein guter Vorschlag. Wenig später waren wir wieder auf dem Heimweg.

Jimmy’s Meinung

Nach meinem Umzug aus dem Süden nach Ostwestfalen war mir dieses Jahr der Weg zur EICMA, dem Motorradmekka in Mailand, einfach zu weit. Doch auch meine neue Heimat lässt sich nicht lumpen, was Chrom und Szenekommerz angeht. Also auf zur Custombike.

Zuerst fällt mir auf, dass ich zu den wenigen Besuchern gehöre, die keine Gruppenzugerhörigkeitskleidung  tragen, nicht mal mein MOTO VIE Shirt kennzeichnet mich als Angehörigen einer wie auch immer gearteten Identifikationsgruppe. Beim nächsten Mal unbedingt daran denken, sonst meint noch jemand, ich sei unterdurchschnittlich sozialisiert.

Zahlreiche Chopper und ihre Derivate, zu denen mir die Bezeichnungen fehlen, gab es zu sehen. Bei vielen Umbauten drängte sich mir die Frage nach dem „Warum?“ auf, welche die Erbauer vermutlich mit „Weil ich es kann!“ beantworten würden. Ja, man kann ein schmiedeeisernes Balkongeländer zur Schwinge umbauen, das Schwert der Tempelritter ans Motorrad schrauben, einen Bagger mit hydraulischem Fahrwerk dem schönen Geschlecht im Stile alter Meister widmen oder zwei Stahlrohre mit wenigen Millimetern Kunststoffauflage zum Motorradsitz erheben. Neben den zu oft gesehenen und auch hier offenbar unvermeidlichen  „Motto-nineTs“ aus der bayrischen Hipsterkollektion eine überraschend erfrischende Abwechslung.
Wer nun Lust bekam, die dunkle Jahreszeit in der Garage zu verbringen und selbst Hand und Werkzeug ans geliebte Zweirad zu legen, wurde durch entsprechende Ausrüster final motiviert. Nicht nur Werkzeug zum abschrauben und Zeugs zum dranschrauben wurde feilgeboten. Auch allerhand Ausrüstung um gut auszusehen und den gut aussehenden Körper vor den Gefahren der Straße zu schützen, war zu finden. Holzfällerhemden mit Kelvlar sinken saisonal im Preis, das Pinstriping Werkzeug, was mich schon lange interessiert, kostet immer noch so viel wie eine Handlinierung vom Meister. Das wird sich für mich nicht rechnen, selbst wenn ich damit umgehen könnte. Wenn die Auswahl zu groß ist, befällt mich ohnehin meist eine akute Kaufhemmung. Zur Entspannung vom Konsumgetümmel gab es Steilwandfahrer und ein Bühnenprogramm.

 

 

2 Kommentare zu “Custombike. Saisonabschied 2018 in Bad Salzuflen”

  1. Noch kein Kommentar? Geht nicht!
    Also, auch die Hipster und ihre Szene werden nur eine marginale Zeiterscheinung bleiben. Aber, wer fast 40 Jahre durchgehend Motorrad fährt, darf auch mal ein rot/schwarzes Kevlarhemd auf der Harley tragen und damit auf die hippe R9T Urban GS steigen, so lange Guzzi und Triumph Triple ebenfalls bewegt werden. Die meisten „Custombikes“ werden scheinbar eh kaum bewegt, mir ist jedenfalls noch keine in freier Wildbahn unter die Augen gekommen, von diversen Eigenumbauten mal abgesehen…..
    Und, wer als Winterfahrer frische Luft atmet und die Natur genießt, wird eher selten von oben bis unten Chrom polieren. Aber im Sinne von 50 Jahre Easey Rider gilt: „Save the Choppers“!

    Yepp, der Triple lebt seit heute wieder, vor der Urban GS Tour war Basteln an der Dicken angesagt.
    Gruß vom
    Uli (paffi)

    1. Hallo Paffi,
      Danke für die Einschätzung. Ich schätze auch, dass die Chopper jeden Trend überleben werden. Freuen wir uns einfach auf die nächsten 40 Jahre, wird aber eng bei mir.
      Viele Grüße
      Martin

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