Honda CX 500 – Ich hatte mal ein Kultbike – und ahnte nichts davon.

Honda CX 500 rot

Man möchte es fast seinem Nachwuchs mit auf den Weg geben: „Wenn Du auch häßlich, schwach und übergewichtig bist, Deine Zeit wird kommen. Man wird Deine Qualitäten erkennen, solange Du Dich als guter Kumpel erweist.“ Was wie eine Motivationsrede für depressive Teenager klingt, ist meine Erkenntnis über Hondas Designverbrechen aus den späten Siebzigern: Die Honda CX 500. Ja, die pummelige, wassergekühlte Brot und Butter Maschine, bei der die Butter extradick und das Brot altbacken und grau war. Bekannt als „Güllepumpe“ durch Brösels ätzenden Spott im längst vergessenen „Werner“.

Heute gibt es kaum eine New-Custom Show ohne CX 500 Cafe Racer, Bobber oder sonstig hippen Umbau. Eine Google Suche nach „CX 500 custom“ bringt knapp zwei Millionen Suchergebnisse, davon hunderte Bilder als Belege feinster Zweiradästhetik und edelster Schrauberei. Das Motorradmagazin MO zieht die CX in der Ausgabe 2/2016 gar als Referenz auf der Suche nach dem „besten Motorrad“ heran und räumt dem Reisebericht dreier Neo – CX Fahrer nach Marokko in den vorangegangenen Ausgaben gleich mehrere Seiten ein. Hätte ich das nur vor 25 Jahren gewußt, ich hätte sie vielleicht nicht hergegeben. Denn ich hatte auch mal eine, und danach noch eine.

Hang zur Exzentrik erleichtert Identifikation mit dem Design der CX 500

Honda CX 500 blau
„Symbolbild“ – Von meiner ersten gibt es keine Fotos.

Mit einer CX 500 begann nach Jahren auf Zündapp und einer Episode im Ford Escort meine Motorradgeschichte der Führerscheinklasse eins. Ein „großes“ Motorrad sollte her, die Modellauswahl wurde durch ein bescheidenes Budget und mangelnde Kenntnis der damaligen Modellvielfalt begrenzt. Fett und schwer sollte sie sein, ein Männermotorrad, die damals beliebten Weichchopper kamen nicht in Frage. Ironischerweise war mir die CX nur über die Schwester eines Freundes bekannt. Die fuhr so ein Ding und ich hatte mächtig Respekt. Neben der zierlichen Dame wirkte die Honda wuchtig und wichtig. So eine wollte ich haben und konnte ich mir so grade eben leisten.

Mein leichter Hang zur Exzentrik erleichterte die Identifikation mit dem Design, das ich bald mein eigen nennen sollte. Es wurde eine blaue, Erstzulassung 1982, 50 PS, aus dritter Hand. Von den Vorbesitzern fachmännisch aufgemotzt mit Tomaselli Tourenlenker, Wirth Gabelfedern und den Brillianten damaliger Fahrwerksverfeinerung: Rote Marzocchi Gasdruckdämpfer!

Ein Traum wurde wahr und eine traumhafte Zeit begann

Unzählige Kilometer habe ich sie durch Sauerland und Eifel gejagt. Das Drehmoment reichte aus, um beim Start das Vorderrad zu lupfen, die fette Sitzbank machte lange Fahrten zum Vergnügen. Und viele lange Fahrten wurden zu bleibenden Erinnerungen. Alle zwei Wochen bin ich zwischen Ruhrgebiet und Saarland gependelt. Manchmal öfter, bei Regen, Schnee, Wind und Wetter. Ich war ein Held. Auch als meine Freunde im Ruhrpott Geschmack an den Erzeugnissen lothringischer Obstbrandproduzenten fanden. Mit den Krauserkoffern voll Hochprozentigem ging es Freitags im Expresstempo nach Dortmund. Dabei lernte ich die andere Bedeutung von Wochenendpendeln kennen. Gefräste Längsrillen im Straßenbelag mochte sie gar nicht, die Güllepumpe. Da halfen auch keine Wirths und keine Marzocchis. Mit zwanzig Litern Schnaps in den Koffern wollte ich nicht auf die Fresse fliegen und anschließend Fragen nach meiner Fahrtüchtigkeit beantworten. So blieb nur der Randstreifen oder grenzenlose Selbstbeherrschung. Meine CX trug mich zuverlässig auf allen Wegen zwischen Nordsee und Alpen, brachte mich zu jeder Party, zu jedem Job, täglich. Wir waren unzertrennlich. Fünf Monate lang. Dann war Schluß. Sie war weg! Einfach weg. Über Nacht verschwunden. Geklaut!

Die Polizei machte mir wenig Hoffnung, stellte nach vier Wochen die Ermittlungen ein und die Diebstahlversicherung – hatte ich mir gespart!

Die zweite CX 500 war eine schwarze, die mal eine rote war

Doch so einfach wollte ich mir meine CX 500 Geschichte nicht abschneiden lassen. Ein gut bezahlter Job in der Rohrfabrik mit jeder Menge Sonderschichten machte eine Neuanschaffung möglich. Diesmal wurde es eine schwarze, die früher wohl mal eine rote war. Auch hier hatten die Vorbesitzer Hand angelegt. Zur fragwürdigen Lackierung mit den roten Applikationen war eine gigantische Tourenscheibe montiert und das Cockpit hatte eine Platte aus Aluminium bekommen, die mir damals gut gefiel aber irgendwie auch nicht so richtig präzise gearbeitet war. Egal, der Preis stimmte und die Scheibe kann man ja in wenigen Minuten abmontieren. Habe ich aber nie gemacht. Die Wirkung war beeindruckend und das Design,.. hey wir reden hier von einer Güllepumpe! Honda CX 500 schwarz

Also blieb die Scheibe dran und ich vor Wind geschützt. Ich rüstete bessere Gabelfedern nach, Marzocchis waren nicht mehr zu bekommen. CX 500 Nummer zwei machte mich mit ihrer Technik bekannt, sie war nicht ganz so zuverlässig wie die erste. Nach einer Standzeit von mehr als drei Tagen mußten die Schwimmerkammern entleert werden, sonst reichte eine Batterieladung nicht, um sie zum Leben zu erwecken. Ein Ritual, dass mir bald in Fleisch und Blut überging.

Irgendwann machte der Tacho schlapp. Ich suchte per Kleinanzeige nach Ersatz und sofort meldete sich jemand, der mir das Instrument anbot und schon am Telefon erzählte, dass er über sämtliche Teile aller bis dahin gebauten CX Varianten verfüge. Er hatte nicht übertrieben. Seine Doppelgarage war bis unters Dach mit Teilen vollgestopft. Mehrere komplette Maschinen standen bereit, vom Urmodell bis zur CX 650 Turbo. Nachdem ich mir einen Tacho mit geeignetem Kilometerstand ausgesucht hatte, heuchelte ich noch Interesse an einem Rahmen. Die Fahrgestellnummer meiner ersten CX kannte ich noch immer auswendig. Doch keiner der Rahmen verwies auf meine verlorene Liebe, auch kein weiteres Teil trug Hinweise darauf, einmal mit mir unterwegs gewesen zu sein.

Mit meiner schwarzen CX 500 verbrachte ich knapp zehn Jahre. Die wenige, nötige Wartung erledigte ich selbst und erst Jahre später wurde mir bewusst, wie wartungsfreundlich das gute Stück aufgebaut war. Ventile einstellen ging mit Schraubenschlüssen über Kontermuttern. Die Gummiteile waren extrem alterungsbeständig und mußten nie getauscht werden. Der einzig ernsthafte Schaden war eine gebrochene Motorhalterung, die ein fachkundiger Dorfschmied wieder anschweißte, ohne den Motor auszubauen.

Einzig und allein die Lust auf Abwechslung und das Bedürfnis nach mehr Leistung führten dazu, dass ich meine zweite Güllepumpe verkauft habe. An einen Stefan, Student aus Stuttgart. Jung und ahnungslos wie ich selbst beim ersten Mal. Ich hatte ein gutes Gefühl und sah „meine Ex“ Monate später noch einmal in gepflegtem Zustand auf einem Stuttgarter Motorradparkplatz. Alles war gut.

Sagt mir Bescheid, wenn ihr sie findet

Vielleicht ist eine der beiden heute im Internet unter „CX 500 Custom“ zu finden. Ich würde mich freuen. Allen Jungschraubern, die sich eine Güllepumpe vornehmen wollen, sei noch zugerufen: Flext nicht gleich das Heck ab, wenn ihr noch auf Freiersfüßen wandelt. Die CX bietet ein Soziussofa, auf dem sich auch motorradkritische  Beifahrerinnen und Beifahrer stundenlang sicher und gut aufgehoben fühlen. Und wenn euch jemand eine Maschine oder einen Rahmen mit der Nummer CX5002315321 anbietet, sagt mir unbedingt Bescheid. Dann habt ihr sie wiederentdeckt, meine erste Motorradliebe, Klasse eins.

Honda CX 500 Cafe Racer
CX500, heute wieder beliebt als Cafe Racer / Foto von Cédric Jandodet

4 Kommentare zu “Honda CX 500 – Ich hatte mal ein Kultbike – und ahnte nichts davon.”

  1. Hallo Jimmy, da kommen Erinnerungen auf ! Heut hab ich wieder so ein Schätzchen. Und meine Gattin ist genauso infiziert! 1 C steht auch noch da ! Recht hast du! „Einst verschmäht, heute Kult“! Mit keinem anderen Bike sind soviel erinnerungen verbunden! Danke

  2. Hallo Helmchen, vielen Dank für Deine Zustimmung. Ich wünsche Euch noch viel Spaß mit den Güllepumpen. Hast Du mal die Fahrgestellnummer geprüft? ;o)

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