Der Teufel im Detail und des Bestatters Hilfe

Herbstausfahrt

Saisonabschlussfahrt im Trio.

Ausgangslage

Wenn während einer Tour erwähnenswerte Geschichten passieren dürfen, dann bedarf es einer weisen Vorausplanung bei der Auswahl der Fahrzeuge. Ich fahre seit neuestem BMW R NineT Racer, was nicht sonderlich bemerkenswert ist. Ihre Zuverlässigkeit begründe ich weniger im Ruf der Marke, als darin, dass sie so gut wie neu ist. Was soll schon kaputtgehen? Das Salz in der Suppe einer mehrtägigen Motorradtour mit den Kumpels sind die kleinen Wehwehchen, diese am Straßenrand zu reparierenden Störungen. Nur mit meiner BMW wäre die Herbsttour ein Einheitsbrei geworden. Der macht satt und zufrieden. Lecker ist aber anders. Zum Glück waren wir maschinentechnisch so gut aufgestellt, dass genug Salz zum Würzen am Start war. Joachim holte seine 72er Norton Commando aus dem Stall in Hannover, Stefan startete auf 2018er Ducati Desert Sled. Lief. Zunächst.

Eindrücke

Im straffen Galopp ritten wir vorbei an Kassel nach Sontra, von dort aus weiter Richtung Süden.
Nur wir drei und die Straße, der Wald, die Felder, der Regen.
Wir ließen uns auffordern zum Tanz mit Wolkenlücken. Wir steppten übers Land, ließen uns von herbstlichen Sonnenstrahlen aufwärmen und wurden in kurzen, heftigen Schauern wieder runtergekühlt.
Wir glitten auf engen Straßen durch lichtarme Wälder, schnalzten über fahle Höhenkämme, die Sonne zwinkerte uns zeitweilig durch den bedeckten Himmel zu und zauberte aus nass glitzernder Landschaft deren herbstlich leuchtende Grundfarben hervor. Die behände bewegte Norton flog vor Stefan und mir auf einer Gischtwolke dahin, legte einen grotesken Nebel über den Asphalt und ließ Fahrer und Maschine im Gegenlicht vor graublauem Himmel zu einem vollkommenen Bild werden. Der Soundtrack dazu pulsierte aus zwei mäßig gedämpften Rohren. Cut. Wie schön. 30 Sekunden für die Ewigkeit. Ohne Kamera kann dieser Moment kaum fixiert werden, die Erinnerung verblasst schneller, als die Jacke wieder trocknet.

Die Rhön rief und nahm uns drei in ihre nassen Wälder auf. Der leichtfüßige Slalom wurde gebremst durch triefenden Asphalt, gesät mit Laub, Ästen und Nadeln. Verziert mit allem, was dieser Wald nach dem langen Sommer nicht mehr braucht und auf unsere Linie hustet. Verdeckte Bitumenstreifen, das Erahnen der Haftgrenze, schlechte Sicht, sich zuziehende Kurven. Es kommt unter dem Helm die dumme Frage nach dem Sinn dieses Tuns auf. Die passende Antwort liefert das Erreichen der Anhöhe, die nun trockene Straße, die sich offen durch das brach vor uns liegende Tal windet, der Himmel, der plötzlich der fahlen Sonne erlaubt, ihre zarten Strahlen in unseren Nacken zu massieren. Nur wir drei. Die Straße, der Wald, die Felder, die Sonne. Wir geben Gas.

Salz in der Suppe

Genuss lebt von Kontrasten, die es auf der Fahrt reichlich gab. Ein paar Kleinigkeiten brachten Abwechslung. Zum Beispiel die Überwurfmutter am rechten Krümmer der Norton, deren Freiheitsdrang Einhalt geboten werden musste. Kinderkram. Mit passendem Hebel wieder in den festen Sitz gepresst, hatte sie ihre Aufgabe wiedergefunden. Jo fährt auf seiner Commando einen überschaubar großen Tankrucksack spazieren, in dem Werkzeug mit Zollmaß, Ersatzteile, Schmiermittel, Kippen und historische Fisherman’s Friends Platz finden. Dazu noch zwei ungebügelte Hemden, eine Jeans und Sneaker. Wenn man mal abends noch ausgehen will. Wollte aber keiner mehr.

Kurz nach der Auspuff-Überwurfmutter an der Norton war die Schwingenlagerfixierung der Desert Sled dran. Peng! Das Teil verabschiedete sich in einer Kehre mit einem Knall wie beim 12 Uhr-Duell. Klares Bruchbild, einfache Analyse. „Klassischer Schwingbruch nach einseitiger Biegebelastung und hoher Nennspannung“ sprach der Ingenieur. Ursache? Unklar. Ist das Teil nur Abdeckung, zu fest angeknallt? Oder hat das tatsächlich was zu halten? Davon war eher auszugehen. Mit Sicherheit, die hier zwingend nötig war, würde das der Meister der Ducati in der nächsten Großstadt wissen. Telefon und Bildversand verschafften ihm Aufklärung. Des Meisters Stimme verkündete: „Mit dem Ding kannst Du bedenkenlos weiterfahren. Auch ohne die Schraube.“

So geschah es. Wir fuhren weiter. Bis Stefan ein zweites Mal aus dem Rückspiegel verschwand. Die Schwingenlagerachse hatte ihm gegen den Stiefel gedrückt, worauf er die Weiterfahrt beendete. Nicht, dass der Druck am Stiefel schmerzte. Was aber wehtat, war der Umstand, dass sich die Achse langsam auf Wanderschaft machte, was wiederum der Funktion der Schwinge einen finalen Abbruch tun würde. Also gerade noch rechtzeitig gemerkt, kurz vor dem Erreichen der ewigen Jagdgründe. Da kommen Fragen auf an den Meister in der Großstadt, die ich nicht beantworten kann und er sicherlich nicht beantworten will. Keine Namen. Aber tauche besser ab, Meister Teufel.

Da hätten wir auch den Pastor im Ort konsultieren können und mit gutem Glauben aber lückenhaftem Faktenwissen ein Ziel erreicht. Ganz so weit waren wir tatsächlich vom Pastor nicht entfernt. Nachdem die Achse zunächst wieder in Position gebracht, aber ungesichert war, wurde beratschlagt, ob der ADAC gerufen wird oder eine vernünftige, zünftige Lösung Präferenz findet. ADAC war denkbar schlecht, weil damit die Tour am Ende gewesen wäre. Somit fuhren wir ins nächste Dorf zurück. Wir suchten Hilfe, checkten offene Garagen, fanden eine Art „Offenes Tor zum Schrauberglück“ im Ortskern. Samstag. 14 Uhr. Totenstille im Dorf. Ich, zwei Meter groß, dreckig wie die Sau, in Lederkluft an der wildfremden Haustür. Klingel. Nochmal Klingel.

Die Tür öffnet sich langsam und mir stand ein Lächeln im Feinripp-Unterhemd gegenüber. Nach Vortragen der Situation und meines Anliegens offenbarte das Unterhemd, dass es leider keine Möglichkeit zur Reparatur habe. Aber der Bestatter – das Unterhemd wies mit lang gestrecktem Zeigefinger in Richtung oberes Dorf – der Bestatter, der habe eine Werkstatt. Der repariert alles. Also gingen wir mit der Ducati zu dem Erdmöbelspezialisten. Wäre die Schwingenlagerachse herausgeflogen, wären wir – zumindest Stefan – auch beim ihm gelandet. Abgekürzt sah es so aus, dass der Bestatter der lebensfroheste, zufriedenste Mensch war, dem ich seit langer Zeit begegnet bin.

Wir haben uns in den 45 Minuten – so lange dauerte die Reparatur – viel beim ihm abgeschaut. Er hat mit Verstand, Standbohrmaschine, Gewindeschneider und Fingerspitzengefühl ein standfestes Provisorium gebaut, dass das italienische Designstück wahrscheinlich überleben wird. Geschlossen und fest das Schwingenlager – offen die Frage, warum es die Schraube weggehauen hatte. Dazu die noch zu klärende Frage, warum der Ducati-Meister der Tat den Aufbau der markeneigenen Schwingenlagerung nicht kannte, sowie nichts vom lebensfeindlichen Weglassen der äußeren Abdeckschraube wusste, die gleichzeitig Befestigung ist. Die Schraube sieht mit ihrer Innenverzahnung und dem polierten Kopf aber auch so wunderbar aus, dass man zu denken neigt: „Wie schön, dass sie da ist! Aber wichtig kann sie nicht sein, dafür ist sie zu schön.“ Ist sie aber.

Wir setzten unsere Fahrt fort, Stefan schaute gelegentlich nach der Schraube, zog später nochmal nach. Wir wurden nass und trockneten wieder, wiederholt. Ein kleiner Zwischenstopp zum routinierten Wechsel des gerissenen Kupplungszugs an dem englischen Alteisen würzte die Weiterfahrt leicht nach, ohne die Suppe zu versalzen. Den großen Durst löschten wir am Abend gebührend. Sonntag schlichen wir wieder heimwärts, jeder mit seinem stolzen Kater. Geile Tour. Sowas kann nur der Herbst.

2 Kommentare zu “Der Teufel im Detail und des Bestatters Hilfe”

  1. Hei Serge,

    danke für den sehr schönen Bericht und fürs mitnehmen. Die Norton sehe ich förmlich vor mir, wie sie im Gegenlicht über die Hügel fliegt und die ihr folgenden mit ihrem Sprühnebel aus Wasser und Öl segnet. Und dazu das mächtige sonore Brabbeln welches einem zuruft roll on, roll on, roll………….!
    Als Salz in der Suppe genau so bezeichne ich mittlerweile auch die kleinen Pausen die mir mein DIVA manchmal gönnt, indem sie z.B. plötzlich anfängt zu pinkeln (Schwimmer klemmt) oder die Drehzahlmesserwelle bricht, rutscht und dadurch Geräuche verursacht oder ……….
    Uns ist zu Anfang unserer Karriere auch mal die Mutter von der Schwinge abgeflogen. Und dies im schlechtesten Moment am ungünstigsten Ort den man sich vorstellen kann, auf einer „schnellen“ Runde, in der Fuchsröhre, kurz vor der Senke ging ein Ruck durch die Rappelkiste. Ich habe die DIVA so behutsam wie es ging zum Stehen gebracht und beim absteigen schon gesehen daß die Schwingenachse an der linken Seite heraus ragte. Bei näherer Betrachtung wurde mir fast schlecht, denn ich stellte fest daß nicht viel gefehlt hätte und uns wär das Rad samt Schwinge um die Ohren geflogen, denn der Ruck war der Moment als die Achse sich vom Lager verabschiedete und nur noch vom Rahmen „gehalten“ wurde. Ich war sowas von stinksauer. Und dann geschah etwas was ich damals noch nicht richtig würdigen konnte, weil mein Ärger so groß war. Es hielt ein Sportsfreund mit seinem BMW Rennwagen und bot seine Hilfe an. Da er am nächsten Tag ein Training hatte und früher angereist war hatte er die Zeit seinen KFZ Transportanhänger zu holen und uns von der Strecke zu bringen. Wir fuhren nach Nürburg und haben es uns erst mal im Hotel mit seinen Freunden gut gehen lassen. Dann habe ich mit Bindedraht das mutterlose Gewinde umwickelt und bin dann so, sehr langsam nach Hause gerollt. Immer schön den linken Fuß nach hinten gehalten, sodass ich mit der Knöchelregion immer den Achssitz überprüfen konnte.
    Als greenhorn war mir unerklärlich warum die blöde Mutter meinte Muttertag feiern zu müßen und sich in die Botanik verabschiedete, bis mir mein Freund Max, damals im Maschinenbau Studium, erklärte was es mit selbstsichernden Muttern so auf sich hat. Mamamia, hatte ich Dölpes doch tatsächlich vor unserem Besuch der Schleife, die Achse ausgebaut und schön eingefettet. Wem muß ich jetzt noch erklären daß ich dieselbe Mutter wiederverwendet habe? Klassischer Anfängerfehler! hahahahahaha.
    Damals konnte ich den Abbruch meiner Runde und die damit einhergehende Pause nicht genießen. Damals hatte mein Mopped auch noch keinen Namen. Heute zig Jahre und Pausen später nenne ich meine Rappelkiste DIVA oder spreche auch von meiner Geisha. Die Namen hat sie sich ausgesucht. Ja ich finde immer was gutes an einem mir von der DIVA diktierten Stopp. Manchmal lernen wir nette Leute kennen, oder ich komme endlich mal zum trinken, oder die Aussicht ist grandios, oder da hinten steht ein wunderschöner Baum auf einem Feld, oder die Vögel singen ganz herrrlich, oder, oder, oder …………hahahahaha.
    Serge, ihr hattet mit dem Bestatter richtiges Glück und eine schöne Erfahrung gemacht. Das bringt mich auf die Idee mal meinen Bestatter aufzusuchen, Motorrad fahren soll doch so gefährlich sein. Mit dem Tod jedenfalls bin ich per du, wenn der mich eines Tages aufsuchen wird dann werde ich ihm ins Gesicht lachen und ihm was zu trinken anbieten, so viel steht mal fest.

    Serge, LIEBEn Gruß vom rudi rüpel/rüpel racing

    1. Hallo Rudi,
      Danke für deine Geschichte. Immer gut, wenn einem geholfen wird und einen das Glück auch ansonsten nicht aus den Augen lässt.
      Alles Gute
      Serge

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