Die Hand zum Gruße! Passt da das Raster?

Zwei Motorräder

Die gepflegte Interaktion mit anderen Bikenden ist wovon abhängig? In erster Linie vom Womit. Darum zunächst ein paar Eckinfos zu meinem Ofen:

Nach sechs harten Jahren der Abstinenz gehöre ich wieder dazu. Seit zwei Jahren bin ich im Besitz meines vierten Motorrads, einer Super Téneré. Die Gute ist gerade volljährig und hat schon einige Falten am Blechkleid. Man sieht ihr an, dass sie viel zu früh zu hart rangenommen wurde. Das war mir beim Kauf egal. Die finanziellen Grenzen waren gesetzt. Es gab nur die oder keine.

Was macht man als Altblechfahrer für Schubladen auf, welche Kategorien sind vertreten? Knieschleifer, Achseltrockner, Zwiebacksäger? Und welche Berührungspunkte gibt es unter den bzw. uns Motorradfahrern? Das ist erstens unklar und zweitens auch irgendwie egal. Vor sechs Jahren wurde gegrüßt, was der Arm hergab. In den engsten Kehren, auf den schnellsten Dorfdurchfahrten; es wurde gegrüßt. Und zwar alle. Fast alle.

Die Anforderungen zum gesinnungskonformen Grüßen sind wahrhaftig hart. Binnen Bruchteilen von Sekunden muss das entgegenkommende Zweirad gescannt werden. Passt das ins Raster, verlässt instinktiv die Kupplungspfote den Lenker zum Gruß unter Seinesgleichen. So grüße ich ein anonymes Wesen, frage mich ob nett, ein Versicherungsbetrüger, ein guter Freund, ein Doppelmörder, ein Familiendespot oder gar Banker. Kann ja alles sein.

Noch nicht einmal bis drei gezählt und das entgegenkommende Wesen ist im Nichts verschwunden. Gesegnet mit meinem Gruß. Fortreisend mit meiner hochachtungsvollen Kenntnisnahme seines Daseins in der kurzen Episode unserer gemeinsamen Begegnung. Natürlich nur gesegnet, weil das Geschöpf mehr oder weniger zufällig mit einem Motorrad unterwegs ist. Und dann noch mit einem, das in mein Grußschema passt. Welch ein Glück der Vorbeigehuschte doch hat!

Vielleicht habe ich mit meinem Gruß ein trübes Gemüt erhellt. Vielleicht habe ich die Welt verbessert. Der Familiendespot bringt seiner Geschlagenen vom Herbstritt einen Strauß Blumen mit und singt seinen Kindern das erste Schlaflied ihres Lebens, der Doppelmörder kehrt von seinem dritten Plan ab. Ich habe Gutes getan.

Nun denn, soviel Gutes widerfährt natürlich nur denen, die den passenden Ofen haben. 125er grüße ich nicht. Ich freue mich immer, wenn ich eine R6 von einer YZF 125 unterscheiden kann. Nicht einfach, aber durchaus zu schaffen. Alles ab Africa Twin wird gegrüßt, ganz weltreisemäßig. Das schafft Solidarität. Könnte ja sein, dass ich mit meinem Wüsten- und Flußdurchquerer mal plötzlich im Sand feststecke und hilfesuchend ins Nichts blicke. Mitten in der Bochumer City aus Versehen in dem frisch angelieferten Sandhaufen der Großbaustelle am Dorfplatz den Drift versaut und festgefahren. Das passiert ganz schnell. Und die dortigen Eingeborenen haben für solcherlei Problemchen keinen Begriff, da ist man dann auf fremde Hilfe angewiesen. Ganz klar am liebsten von mindestens 650 Kubik Zweizylindern – aber bitte kein Boxer. Da bin ich ganz weltoffen und tolerant. Ténérefahrer dürfen auch unter 750 Kubik, XT nur die 500er, keine 250er. Honda nur Africa Twin, keine Transe oder Varadingsda. Exoten sind immer willkommen – Cagiva Elefant oder Navigator. Guzzi Quota kommt zwar sowieso nicht vorbei, Hilfe würde ich aber großzügigerweise annehmen, falls nicht gerade selbst welche benötigt wird.

Salutiert wird den Vertretern der Spezies der Wüstensprinter – und nur denen – mit einem Stollenreitergruß erster Kategorie: Die linke Hand vollständig vom Lenker nehmen, Zeige- und Mittelfinger in Victorystellung und – ganz wichtig – Oberarm maximal 45 Grad zum Oberkörper, Unterarm mindestens 45 Grad zum Oberarm, Handgelenk nicht künstlich verdreht, wie gesagt, Victory! Das kommt natürlich nur dann souverän rüber, wenn der gesamte Flunken unterhalb des Lenkergriffs und möglichst weit außen dem entgegenkommenden Weltreisenden entgegengestreckt wird. Bietet sich vor allem draußen im Outback an, z.B. im Arnsberger Forst. Wenn mir dann noch Gleiches widerfährt, das ist schon eine Rast im Urwald wert. Dann fühle ich mich wohlig aufgenommen im Schoße der Bikercommunity.

Als ich noch MZ ETZ 150 BAFöG Edition fuhr, konnte ich diese Fettenduristen nicht ab. Das stumpfe Geknatter, mit Aluboxen vorm Biergarten. Pharaonenjacke über der Wampe, Metzel Sahara auf der Felge, 54 Liter Sprit im Fass aber keinen Krümel Dreck an Deck. Heute fahren die alle mit Touratechnik. Die wissen immer ganz genau, wo sie sind und gucken sich abends am Computer an, wo sie tagsüber waren. Die Erde ist eine Google. Das kaufe ich mir frühestens in 10 Jahren, wenn es schon wieder out ist.

Naja, zurück zum Gruße. Ich werde auch gegrüßt. Am souveränsten von GS Übertausend mit vollem Survivalkit, diesen Zweispurigen mit Zusatzscheinwerfern. Ich grüße zurück, unterwürfigst ob meines schäbigen Blechs. Guzzisti grüßen alle, die sind irgendwie Leidensgenossen. Die gehören ja meistens zu den Youngtimerreitern, die grußtechnisch wiederum eher zurückhaltend beim Anblick meines dann doch wieder zu modernen Gefährts sind. Mensch, ich bin doch einer von Euch – bitte grüßt mich doch.

Ein Rollerfahrer hat zuerst gegrüßt – wie weltfremd ist der denn? Kriegt im Geiste den Mittelfinder zum Gruße, real ist das zu teuer. Warum hat denn jetzt der Verbündete mit der FJR nicht gegrüßt? Ist doch auch Yamaha, einer von uns. Bin ich überhaupt einer von denen – oder von uns? Hätte ich zuerst grüßen müssen oder dürfen, oder? Sicher bin ich mir da nie. Chopperfahrer grüße ich immer und werde nie zurückgegrüßt. Das mache ich, offen gesagt, aus purer Furcht. Diese böse guckenden Dentisten auf den 30 Kiloeuro teuren Stahlgummiverbünden aus God´s Own Country. Vielleicht ist es ja mein Zahnarzt und er erkennt mich, und beim nächsten Termin bohrt er mir aus purer Vergeltung einen meiner letzten fünf gesunden Zähne an und füllt ihn grinsend mit heißem Blei. Die Kasse wiegt es ihm alsbald in Gold auf und er tauscht es sodann ein gegen Chrom.

Da grüße ich doch lieber auch den am bösesten guckenden Walzenreiter im Badgeskostüm. Oder einen sich abplackenden Kindertraumerfüller, der sich ob der unmoderaten Monatsraten den Finanzfrust aus den Fäusten drücken muss. Könnte ja auch der Richter sein, der sein hartes Urteil ob meines erhobenen Fingers gegenüber einem Schleicher im Auto fällt. Lieber grüßen.

Apropos Auto. Bin ich natürlich nicht mit gemeint, ich fahre ja auch nur dann Auto, wenn es gar nicht anders geht. Also bei bedecktem Himmel und Eiseskälte, so unter 16 Grad. Ist das dann schön. Kein Mensch grüßt mich in meiner Familienkutsche. Deshalb fahre ich auch nicht Saab oder Ente. Die grüßen sich untereinander – natürlich nur markengebunden. Der Saab-Architekt ist natürlich ganz anders anders als der Entenpilot. Was machen eigentlich Saab-Fahrer, die ab und an Motorrad fahren? Grüßen die vom Moped aus jeden Saab? Die Frage poste ich mal an www.frag-die-mutti.de, die wissen das.
Ich glaube, ich lasse das Grüßen einfach konsequent bleiben. Naja, bis auf meinen Zahnarzt. Warum soll ich alle grüßen – nur weil sie Motorrad fahren? Stattdessen halte ich einfach konsequent an, wenn ein Menschenwesen mit verrecktem Ofen im mobilen Abseits steht und Hilfe benötigt. Da spielen dann auch Herkunft, Gattung und Hubraum keine Rolle. Da helfe ich sogar dem Banker – wenn er will.

Ein Kommentar zu “Die Hand zum Gruße! Passt da das Raster?”

  1. Selbstverständlich grüße ich als 1000ccm-Fahrer im Winterhalbjahr (Okt.- März) alle Motorradfahrer, einschließlich 125ccm Leichtkrafträder !! Im Sommerhalb aber grüße ich nur Markengleiche (d.h. als Honda-Fahrer grüßt man Honda-Fahrer; der BMW-Fahrer grüßt BMW-Fahrer; Italiener-Fahrer grüßt Italiener-Fahrer; Engländer-Fahrer grüßt Engländer-Fahrer, Suzuki-Fahrer grüßt Suzuki-Fahrer; usw). Und natürlich grüße ich immer alle Freunde und Bekannte.

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