Endurostrick, Established 1985

Nachdem ich mit 19 Jahren entgegen dem Diktat meiner Eltern heimlich eine XT 500 einem Unwissenden abfeilschte, war die Kasse leer.

1900 ausgegebene Märker ließen keine Reserven für weitere geistreiche Anschaffungen, die das Motorradfahren komfortabler oder gar sicherer machten. Somit griff ich in die bestehende Klamottenkiste und suchte vermeintlich warme Sachen.

Ich empfand es als Beitrag zur besseren Verständigung, dass ich mein neues Hobby mit einer alten Leidenschaft meiner Mutter verknüpfen konnte: Meine Mutter liebte das Stricken. Socken und Pullover standen immer ganz weit oben im Auftragseingang. Am coolsten war meine lange Strickjacke in recht rustikaler Optik, die trotz vorhandener Ärmel von allen nur das Wams genannt wurde. Ich liebte das Wams. Tragbar zu jedem Anlass. Also ab sofort auch zum Motorradfahren. Endurostrickware!

Es war Frühjahr und die ersten Sonnenstrahlen ließen mich einen Hauch von Wärme in meiner extrem atmungsaktiven Jacke spüren. Soweit mir bekannt, habe ich damit in unserer Gegend einen Trend initiiert, der sich bis heute unverständlicherweise dann doch nicht durchsetzen konnte. Das Wams hatte auf dem Motorrad außer der coolen Optik allerdings kaum praktischen Nutzen. Bei Regenfahrten kramte ich meinen orangenen Einteiler aus dem Harro-Tankrucksack und fühlte mich gleich viel sicherer.

Dann kam der Sommer. Und mit ihm die Fliegen und anderes Flugzeugs. Das Insektenvolk landete scharenweise in den groben Maschen und hatte eine gute Überlebenschance, ohne allerdings entkommen zu können. Nach jeder Fahrt das große Krabbeln. Hautnah! Mit der Zeit wurde die Jacke winddichter – ich hatte einen Harnisch aus Insektenpanzern in Wollmatrix. Das Wams war, wo ich damit auflief, ein echter Hingucker und fühlte sich – sagen wir authentisch – an. Ab und an war ich damit beschäftigt, zahllose Flugviecher aus dem Strick zu lösen und manchen von ihnen – sofern noch lebendig – die Freiheit zu schenken. Pech hatten nur die, die direkt auf den fetten Knöpfen landeten. Hier war der Impuls beim Auftreffen zu groß. Ich hatte einiges gelernt über die Vielfalt der Insektenwelt. Und unter Nachhaltigkeitsaspekten war die Jacke auch ok. Darüber sprach 1985 aber noch niemand.

Irgendwann hatte ich das Wams dann vollständig von Fliegen befreit und beschlossen, dass ich das Trendsetten aufgebe und mir eine Belstaff-Jacke zulege. Heute unbezahlbar, damals Standard und auch sehr cool. Für die Fliegen, die mir danach begegneten, tut es mir immer noch leid. Die hatten auf Wachscotton kaum eine Chance. Mit dem heute getragenen Korsett aus CE-zertifizierten Panzerelementen hätte ich damals wahrscheinlich noch verwegener ausgesehen als im Endurostrick. Sicher ist sicher…

Ich empfehle zum Endurostrick Beinkleider von Levi’s, Schuhe von Adidas, Hände nackig.

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