ENTSCHEIDEND IST IM SAND

Wheels & Wake in Nethen

MOTORCYCLE DAYS AT THE BEACH.
HOME OF THE 1/32 MILE OF SANDY BEACH MOTORCYCLE RACING! Friesisch verrückt.

Entscheidend ist im Sand. Den Spruch des alten Fußball-Haudegens Alfred Preißler „Entscheidend is ́ auf ́m Platz“ von der Ruhr haben die friesischen Macher des Wheels & Wake eiskalt aufgegriffen und das wirklich Beste daraus gemacht. Am zweiten Septemberwochenende habe ich mich auf den Weg nach Friesland gemacht. Genaugenommen ins Ammerland. Eine Symphonie in Grün, wie die Website ostfriesland.de verspricht. Nethen 1/32 klang verheißungsvoll. Beachclub das Ziel. Wheels & Wake. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wird auf der Infoseite des Veranstalters im ersten Satz zugegeben, dass das Event Wheels & Waves in Biarritz die initiale Inspiration war. Nur eben auf friesisch. Und das hat was. Früher wurden die kleinen Jungs und Mädchen aus dem Ruhrgebiet in Richtung Küste geschickt, damit sie im salzigen Klima ihre rußig zugekleisterten Bronchien freihusten konnten. Heute ist das alles anders. Trotzdem ist die Küstenregion immer noch beliebt. Liegt vielleicht an der Seelenverwandtschaft der Friesen und Ruhries. Alle große Schnauze, nur sabbeln die Friesen weniger. Und wenn, dann sitzt das.

Fotos von Markus Monecke

Das Navi auf Kurvenmodus gestellt geht es morgens in Castrop-Rauxel los. Weit genug im Norden verursacht die Option „kurvenreiche Strecke“ einen Speicherüberlauf im Navi. Je kurviger das sein soll, desto schmaler werden die Straßen und desto häufiger muss ich abbiegen. Es riecht nach Schweinen, nach Endausscheidung. Die letzten 80 Kilometer eile ich über die Autobahn zum Ziel. Ankunft mittags. Erstkontakt mit Menschen habe ich an der Zufahrt zum Kerngelände. Alte und stark umgebaute Karren werden mit sicherer Hand vom Machthabenden ins Zentrum des Geschehens gelotst. Ich bin an der Reihe und muss aufs Parkplatzgelände für das Gemeinvolk. Hat der Lotse nicht gecheckt, dass meine Triumph auch umgebaut ist? Und 21 Jahre alt! Egal, ich füge mich dem Schicksal. Wie alles im Norden ist auch der Parkplatz sandig, der Seitenständer sinkt weg, der Hauptständer sackt ein, bis die Räder aufsetzen. Abhilfe schaffen die gratis verteilten Metallplatten zum Unterlegen für den Seitenständer, das bringt schon mal ein Sternchen im Bewertungsprotokoll. Der Kennzeichencheck auf dem Parkacker verrät: viele Eingeborene am Start. Friesland, Westerstede, Oldenburg. Bremen zähle ich mal riskant dazu. Aber auch Ruhries und alles, was dazwischen liegt, zwischen Ruhr und Nordsee. Der Einzugsbereich kann mit Biarritz nicht ganz mithalten, dürfte aber locker zwischen 200 und 300 km liegen.

Vor dem Einzug in die Arena – zu Fuß wohlgemerkt – fiel mir noch ein Detail auf. Die Harleyfraktion parkte markengebunden in einer Reihe. Der ganze Parkplatz durchmischt, aber bestimmt 30 Harleys sortenrein abseits aufgeperlt wie an der Schnur. Fällt eine der Karren wegen des weichen Bodens um, nimmt sie in Dominomanier die ganze Reihe mit. Gut mitgedacht: Wenn da nur Harleys stehen, entsteht so wenigstens kein Sachschaden.

Am Eingangsbereich 15 Euro für die Zweitageskarte gespendet und rein ins Vergnügen. Beachclub. Sand, Cocktailbar, Barbecue, Sessel, und Sand. Viel Sand. Man kommt an und ist direkt mittendrin. Im nächsten Jahr bringe ich meine Flip-Flops mit und bügle vorher mein Hawaiihemd. Passend zum Ambiente gibt es in gedämpfter Lautstärke Musik aus der Kategorie Chill-Out. Und das passt. Nichts wäre an diesem Ort, dieser Aussicht und den Leuten weiter entfernt, als die andernorts ständig wiederholten Klassiker aus der Born to Be Wild-Schatulle. Man sieht sich, man trifft sich, man guckt und man lernt kennen. Gleichgesinnte, Andersgesinnte, Leute, die gerne gesehen werden wollen, Leute, die gerne sehen. Auffällig wenige Besucher, die das Klischee des Hipsters bedienen. Die scheinen jetzt andere Betätigungsfelder gefunden zu haben. Endlich.

Warum war ich noch hier? Wegen der Rennen.

Auch wegen der Rennen. Die gab es im etwa halbstündigen Rhythmus. 1/32 MILE WORLD CHAMPIONSHIP OF REAL SANDY BEACH MOTORCYCLE RACING. Eine sehr junge Sparte des Rennsports auf zwei Rädern, die erst seit letztem Jahr existiert. Muss man das ernst nehmen? Ganz klares Nein! Das will hier auch keiner.

Das größte Sandrennen seit Ben Hur, so wurde verkündet. Das chillende Volk wird kurz vor jedem Duell zur Rennstrecke gebeten, steht Spalier, die Gladiatoren pflügen vom Fahrerzelt entlang der Strecke zum Start. Flagge runter und los. Der Sand fliegt, es geht mit überschaubarer Beschleunigung geradeaus. Bei den meisten jedenfalls. Nach 50,29 Metern ist der Zauber schon wieder vorbei. Wer hier mit der krummen Angabe der Streckenlänge nicht zurechtkommt, rechnet das um und kommt auf genau 1/32 einer Meile. Zeiten werden nicht genommen, es entscheidet das Augenmaß. Der Erste kommt in die nächste Runde, der Zweite fliegt raus. Beziehungsweise die Erste oder die Zweite. Im Teilnehmerfeld, das aus 16 Menschen bestand, gab es nur eine einzige Frau. Das soll und muss sich für das nächste Jahr ändern. Das Feld wurde aus insgesamt 35 Bewerbungen gesiebt.

Fahren im Sand ist offensichtlich risikoarm, fast so wie Halma, Klöppeln oder Boßeln. Nur geiler. Ein paar Reitkünstler haben sich auf die Nase gelegt, zu wenig Gas oder zu viel Bier, und sind direkt wieder aufgestanden. Unter Jubel wurden die Öfen angekickt und mit Sandfontäne zurück in den Schutzbau unters Zelt geeiert. Schlussendlich sind die Rennen ein Schwerpunkt, um den sich alles dreht. Eine Gaudi, die mit markigen Sprüchen moderiert wird, Missgeschicke und Großtaten werden würdevoll verbal geschmettert. Man lacht über sich selbst und darf über andere lachen. Kern der Sache ist, dass man sich selber nicht wirklich ernst nimmt.

Wer macht denn sowas?

Allen voran seien Jens F. Oel und Fritz „Captain“ Schmidt genannt. Jens ist sowas wie Spiritus Rector der Sandkastenveranstaltung und Fritz ist erster Weltmeister, Miterfinder, Mitorganisator und Maskottchen des Wheels & Wake Festivals in Personalunion. Fritz` Alter lässt sich schwer schätzen, wird so zwischen 32 und 68 liegen. Ich hätte ihn auch fragen können. Nächstes Mal. Fritz ist Wakeboarder, nutzt regelmäßig die Anlage im Beachclub.
Fritz und sein Kumpel Jens waren von einer gemeinsamen Reise aus Biarritz zurück. Vom Wheels and Waves. Mit den Strategen Marcel, Jan, Tobi, Florian und Ole saßen sie vor drei Jahren nach dem Wassersport in der Cocktailbar. Die Herren nippten am Vollkornsprudel, wahrscheinlich über Gebühr, und gebaren die Idee, den Spirit aus Biarritz nach Nethen zu holen. Alles Weitere ist bereits Geschichte, obwohl noch so jung. Fritz forderte nun als amtierender Weltmeister heraus. Und verlor. Nach eigener Aussage hat Fritz den Sieg bewusst und gewollt abgegeben, um danach dem geneigten Publikum mehr Zeit für Autogramme schenken zu können. Die Niederlage ist keine Schande, erfolgte sie doch gegen keinen Geringeren als Egon Müller.

Egon Müller war als Aushängeschild dabei, musste nicht lange zur Teilnahme überredet werden. Wie zu erwarten war, lässt der Mehrfachweltmeister im Speedway und auf der Langbahn nicht nur das Gas länger stehen, er hat auch den zum Wheels & Wake passenden Slang, Humor und die Entertainerqualitäten. Mikro vorm Mund und los geht das. Egon Müller ist 70 und offensichtlich topfit. Der Älteste war er im Teilnehmerfeld damit aber nicht. Fitti Haselroth aus Ibbenbüren trat mit einer betagten BMW G/S an und zeigte allen, was lange Off-Road-Erfahrung auf der Ultra-Kurzstrecke bringt. Fitti ist erst 79. Eine Sieben vor der Altersangabe war übrigens die Ausnahme. Vertreten waren alle Dekaden, Schwerpunkt schlecht schätzbar. Grundsätzlich aber eine Mischung aus Alt und Jung, ein zeitgemäßes Mehrgenerationenspektakel.

Was zu mosern?

Als der Hunger kam, machte ich mich auf die Suche und orderte beim einschlägigen Strand- Dealer Falafel, ein Wrapding mit Salat und so. Knapp sieben Euro wurden dafür aufgerufen. Preise wie in St. Tropez, Zürich oder Biarritz. Dabei war das Wrap kleiner als ein Zwergponypimmel. Im Gegensatz dazu aber vegan und – zugegeben – saulecker. Darf man das eigentlich noch sagen, dass Veganes saulecker ist?

Gegen den Hunger habe ich mir danach ein Bier gegönnt. Vielleicht steht das Falafel-Wrap als Sinnbild für die ganze Veranstaltung: Nicht zu groß, nicht zu billig, aber extrem lecker.

Und sonst so?

Kurz und knapp: Ich fahre nächstes Jahr wieder hin. Die Jungs haben in diesem Jahr mit dem Wetter Schwein gehabt, für die Organisation, die Moderation und das ganze Drumherum den richtigen Riecher. An dem Wochenende haben etwa 2.500 Menschen den Weg in den Sand gefunden.

Und woher kommt nun das Wake im Titel der Veranstaltung? Vom Wake- boarden, also naheliegend, liegt doch die Wakeboardanlage mit Zugseilen in Spuckweite zum Strand und zur Rennstrecke. Captain Fritz hat durchsickern lassen, dass im nächsten Jahr möglicherweise noch dahingehende Aktivitäten eingeplant sind. Aber das ist top-geheim und nur hier als Insiderwissen verfügbar. Insgesamt eine richtig runde Sache, das Wheels and Wake. Kein Gehabe, über sich selbst lachen können und das Leben nicht zu bierernst nehmen. Alles Eigenschaften, die nicht nur – aber auch – Motorradfahrern mehr und mehr abgehen. Also fahrt bitte nächstes Jahr dahin und – falls nötig – schneidet Euch eine Scheibe davon ab. Es lohnt sich.

Schlussendlich noch die Antwort auf die Frage nach dem Gesamtsieger auf der 1/32 Meile: Es war tatsächlich Fitti Haselroth. Der Senior aus Ibbenbüren hat allen gezeigt, wie’s geht. Glückwunsch an den amtierenden Weltmeister.

Infos:
Neuer Termin für Wheels & Wake Nethen 1/32 Meile in 2020:
5. und 6. September 2020.
Die Jungs haben aus den Holprigkeiten des ersten Jahres gelernt: Im Jahre 2020 werden 32 Teams an den Start gehen und den WORLDCHAMPION OF SANDY BEACH MOTORCYCLE RACING unter sich aus machen. Und auch das Türsteherproblem ist geschickter gelöst: Wer direkt am Strand stehen will, kann sich vorher via Homepage einen Parkplatz sichern.

Mehr Infos und Bewerbung für den Bike-Contest auf www.wheelsandwake.de.

Dieser Beitrag von mir erschien in der FUEL 4/19

2 Kommentare zu “ENTSCHEIDEND IST IM SAND”

  1. Cool?

    Fällt eine der Karren wegen des weichen Bodens um, nimmt sie in Dominomanier die ganze Reihe mit. Gut mitgedacht: Wenn da nur Harleys stehen, entsteht so wenigstens kein Sachschaden.

    hahahahahahaha! Serge ich mag deinen Stil. Schau mal hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=UVKsd8z6scw

    Ich bin mit meiner Rappelkiste 2016 nach Biarritz zum W&W und war sowas von enttäuscht. Viel zu cool! Das hier macht nen guten Eindruck. Allerdings einen Wettbewerb mit der Zielflagge starten irgendwie doof. Ist das der coolness geschuldet?

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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