Familiensplitting. Mit zwölf Pfoten und fünf Nasen auf sechs Rädern an ein Urlaubsziel

Vier Menschen, ein Hund, ein Auto, ein Motorrad. Und ein Urlaubsziel in möglichst attraktiver – sprich kurvenreicher – Gegend. Zutaten für eine etwas ungewöhnliche, aber sehr vielversprechende Lösung.

Meine Frau hat sich für die Familie vor fünf Jahren einen Hund angeschafft. Neben einer deutlichen Flatulenz gibt es noch etliche weitere Faktoren, die sich durch das Tier auf mein Leben – zumindest auf das, was ich mir als Mensch darunter vorstelle – in mehr oder weniger starker Ausprägung auswirken.
Die Wauze (interner Rufname für den Hund) hat mir eine Option eröffnet, die vorher kaum denkbar war: Familienurlaub mit dem Motorrad. Der Bedenkenträgerreflex rotzt umgehend: „Das geht doch gar nicht!“ Doch! Ja sicher geht das. Erste Voraussetzung für die Umsetzung des Undenkbaren ist, dass das zur Verfügung stehende Auto nicht dazu geeignet ist, mit vier Menschen, einem Hund und jeder Menge Geraffel sicher ins Erholungsziel zu treffen. Ein Mittelklassekombi ist perfekt, also klein genug. Der Hund darf natürlich nicht zu klein sein, soll also möglichst den Kofferraum ausfüllen. Ein paar Kleinigkeiten passen noch mit rein, dann ist die Chaise voll. Folglich muss ein Sitz freigehalten werden. Und da kann ich mit Großzügigkeit punkten. Weil außer mir kein Familienmitglied ein geeignetes weiteres Vehikel hat, stelle ich meine betagte, verlässliche Triumph als Einsatzfahrzeug zur Verfügung.

Unsere erste so durchgeführte Reise brachte uns vor vier Jahren in den Sommerferien in die französischen Alpen in ein Familiencamping am Lac de Serre- Ponçon, Departement Hautes Alpes. Kenner schnalzen hier schon gierig mit der Zunge. Pässe bis zum Abwinken in greifbarer Nähe. Ankunft im Camp sollte am Samstag sein, am Donnerstag bin ich mit dem Motorrad los. Ruhrgebiet, Bergisches Land, Pfalz, Saarland, Elsass, rüber in die Schweiz, wieder zurück nach Frankreich und Pässe gefahren. Drei Tage hin. Drei Tage auf der Piste. Fast nur Landstraße. Mit leichtem Gepäck, es muss ja nur für zwei Übernachtungen reichen, der Rest wird mit der Familie angeliefert. Drei Tage für 1200 Kilometer Landstraße passen so gerade. Es bleibt sogar noch ein wenig Raum für regionaltypisches und Zeit, abends eine passende Unterkunft zu suchen. Das Suchen einer Unterkunft geht übrigens einfach, weil der Hund nicht dabei ist.

Die Art der Anreise löst bei einigen Zeitgenossen Unverständnis aus. Da wird in unserem Kleinstadtmilieu schon mal gemunkelt: „Die fahren separat in den Urlaub, die Trennung steht bevor!“ Mutige tratschen nicht, sondern trauen sich direkt zu fragen, ob mit unserem Familienfrieden alles im Lot sei. Yep! Alles ist okay. Sonst könnten wir das gar nicht so machen. Eine getrennte Anfahrt benötigt selbstverständlich ein aufgeräumtes Maß an Rücksichtnahme oder gar Verständnis. Klar bleibt der finale Teil des Vorbereitungsstresses an meiner Frau hängen, weil ich schon vorzeitig auf Tour bin. Das setzt voraus, dass mir das Vergnügen gegönnt wird. Und vor allen Dingen, dass nicht im Nachgang darüber gezetert wird. Denn dann wird aus dem Spaß einfach nur ein schlechtes Gewissen. An dieser Stelle ein großer Dank an die Frau. Das geht an anderer Stelle in Gegenrichtung auch so. Wären wir beide fixiert aufs Motorradfahren, könnte die Art der Anreise keine Option sein. Somit ist es gut, dass nicht sämtliche Interessen geteilt werden und beide den Spleen des anderen respektieren und den dafür jeweils notwendigen Freiraum gewähren.

Die Anreise mit dem Motorrad bedeutet nicht, dass es sich bei dem kompletten Urlaub um einen Motorradurlaub im klassischen Sinn handelt. Bei uns stand das Motorrad am Urlaubsort die meiste Zeit ungenutzt im Abseits. An ein paar Nachmittagen zusammen mit den Jungs ein paar Pässe gefahren, abends ab und zu noch mal um den See, mit oder ohne Frau, das war’s. Mir geht es bei der Anreise per Motorrad in erster Linie um die zwei oder drei Tage bei der Hin- und dann wieder bei der Rückfahrt. So exzessiv kann ich sonst nur selten fahren. Im vorletzten Jahr zog es uns in die Bretagne, etwa die gleiche Entfernung wie in die Alpen. Ich wählte wieder die Option mit zwei Übernachtungen. Im letzten Jahr war wieder Frankreich das Ziel, die Kanalküste in der Picardie. Premiere auf der Langstrecke hatten diesmal unsere Söhne. Der ältere (13) fuhr auf dem Hinweg als Sozius mit, der jüngere (12) auf dem Rückweg. Mit jeweils einer Übernachtung und weitgehender Vermeidung von Autobahnen hatten wir viel Zeit im Sattel, aber – besonders wichtig – auch in etlichen Pausen miteinander verbracht. Die Jungs werden in die Wegplanung einbezogen, machen sich bemerkbar, wenn ein Zwischenstopp zwingend nötig ist. Zum Beispiel, um einem Esel auf der Weide die Ohren zu kraulen, oder, um über das Alter der Gefallenen auf einem Kriegerfriedhof zu philosophieren. Oder, wenn endlich mal wieder ein Eis fällig ist.

Und was haben die Jungs davon? Während der Fahrt höre ich zeitweise Gesang vom Sozius, im Rückspiegel sehe ich, dass aerodynamische Versuchsreihen mit den Händen in verändertem Anstellwinkel durchgeführt werden. Offensichtlich geht es den Herren hinten auf der Bank gut. Die Landschaft fliegt vorbei, die Eindrücke werden im Speicher gesammelt, der beim nächsten Stopp wortreich geleert wird.

Am Reisen mit dem Motorrad schätze ich besonders die Unwägbarkeiten, die kleinen nicht vorhersehbaren Bescherungen, die das Reisen vom Alltag unterscheiden. Ein Wolkenbruch verhindert die Weiterfahrt, die sowieso nur vage Zeitplanung fällt ins Wasser und mit nassen Klamotten wird unter einem maroden Unterstand der Guss abgewartet. Zetern über den inkompetenten Wettergott, darüber, dass das genau jetzt passiert und das Pech mal wieder genau zum falschen Zeitpunkt ausgerechnet auf einen selbst hereinprasselt führt zu nichts, außer zu schlechter Stimmung. Also locker bleiben. Zum einen geht der Guss vorbei, und zum anderen bietet genau so eine Situation immer auch eine Option. Etwa die, zu schnallen, dass es trotzdem weitergeht. Zwar nicht wie geplant, dafür aber spannend. So wird am eigenen Fell spürbar, was es für ein Glück ist, wenn sich der Lorenz langsam wieder durch die Schauerwolken drängt und blitzschnell in enger Kooperation mit dem Fahrtwind die Klamotten trocknet. Dafür muss man aber zunächst mal nass werden. Dazu kommen Begegnungen mit Menschen, die zufällig zur selben Zeit am selben Ort sind. Als Motorradfahrer wurde mir immer mit großer Offenheit begegnet. Das verstärkt sich noch, wenn der Nachwuchs mitreist. Die Kombination aus Groß und Klein auf dem Motorrad weckt bei vielen Menschen Neugier, die ich meistens als angenehm empfinde. Ein kurzer Plausch hier, dort ein längeres Gespräch auf einer Bank bis hin zu einer Einladung zur Übernachtung. Das gemeinsame Reisen mit dem Nachwuchs auf dem Motorrad erfordert einerseits Kompromisse. Tempo, Fahrzeiten, Zwischenstopps – das muss schon alles angepasst werden. Andererseits schmiedet es eine Kette schöner Momente. Wenn die dritte Tankstelle hintereinander, mitten im französischen Hinterland, die Plastikkarte nicht akzeptiert und klar wird, dass wir möglicherweise liegen bleiben werden, ist das zwar dumm gelaufen. Aber mehr auch nicht. Was kann denn passieren? Dann steht man da, mit dem Sohn, mit dem Motorrad und ohne Benzin mitten im Nichts. Die Zeit kann mit Warten verbracht werden. Und, worauf? Klar, auf das nächste Auto, das den Weg passiert. Worauf denn sonst? Seid euch sicher: Es wird irgendwann jemand anhalten und gerne helfen. Und genau das werdet ihr als Erstes nach der Reise erzählen. Läuft eben nicht immer alles glatt.

Tipps für das Motorradreisen mit Kindern

Die Einzeletappen nicht zu lang wählen. 250 Kilometer Landstraße
sind mit zahlreichen Stopps mehr als genug. Der Wert der Reise bemisst
sich nicht daran, wie viele Kilometer abends abgespult sind.
Trotz gelebtem Purismus das Smartphone nicht vergessen und
am Motorrad eine Buchse zum Laden installieren. Übernachtungen,
Tankstellen und – wer’s braucht – noch die Navi-App sind somit stets
dabei. Für das Ausland sicherstellen, dass ein Datenzugriff besteht.
Raum für Neues lassen und sich treiben lassen. Keine zeitlichen
Verpflichtungen eingehen. Zu viel Planung schafft nur Enge. Und die
braucht keiner. Daher: Übernachtung nicht vorab buchen. Die gängigen
Buchungsportale lassen genug Freiraum, um in jeder Umgebung auch
kurzfristig einen Platz zu finden.
Den Nachwuchs in die Planung einbeziehen. Schafft einerseits
einen besseren Überblick über die Gegend, andererseits ist ein gewisses
Maß an Mitverantwortung am gesamten Verlauf vorhanden. Das
lässt den Hang zum Nörgeln gegen null gehen und steigert den Spaß.
Zeichen vereinbaren. Klapps aufs linke Bein: Bitte bei der nächsten
Gelegenheit anhalten; rechtes Bein: demnächst mal eine Pause; auf den
Bauch: bitte sofort anhalten! So klappt das sehr gut, auch ohne elektronisches
Kommunikationsgedöns im Helm.
Wenn etwas scheinbar schiefgeht, ist das immer auch eine Option.
Fremden Menschen vertrauen, sein Bauchgefühl entwickeln und schwierig
erscheinende Situationen meistern.

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Dieser Beitrag von mir erschien auch in der FUEL, Ausgabe 03 2018.

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