Feinschliff

Erschütternde Fakten wurden mir auf einem Kurztrip Richtung Mosel präsentiert. Im Herzen der Pfalz nächtigte ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Bikergasthof. Meine XTZ 750 parkte ich im Showroom der Herberge zwischen allerlei Funkelblech. Beim Frühstück checkte der Gastgeber meine Gesinnung: Endurofahrer ohne Schnickschnack. So holte er verbal aus, war sich gewiss, dass ich ins selbe Horn blase. „Die Schlimmsten kommen aus Gelsenkirchen.“ „Wer denn?“ „Die mit den Kniepads. Kommen hier rein und haben mit der Flex bearbeitete Knieschützer und machen dann noch einen auf dicke Hose. Sieht doch jeder, dass das nicht echt ist. Spinnen sowieso alle da oben aus dem Ruhrpott.“ „Soso, aus Gelsenkirchen. Sind meine geliebten Nachbarn“ entgegnete ich. Peinlich berührt war schnell das Gespräch tot. Und eine Idee geboren.

Jungfräuliche Kniepads sind peinlich. Wer mit ungescheuerten Pads unterwegs ist, gilt als Weichei. Aber wie kriegt man das fachgerecht hin, ohne sich fahrerisch den unkalkulierbaren Risiken der Asphaltberührung auszusetzen? Der Griff ins Werkzeugregal fällt meistens falsch aus. Irrgläubige meinen, dass sie mit der Flex (oder einem Winkelschleifer eines anderen Herstellers) Phantasien vom Hanging-Off-Fahrstil auslösen. Das klappt bedingt. Aber wehe es fällt auf. Den Geouteten bleibt dann nur der motorradiale Suizid. Aber das muss nicht sein. Statt der rotierenden Anwendung mit dem Winkelschleifgerät muss passende Hardware eingesetzt werden. Einzig ein Bandschleifer mit seiner linearen Schleifbewegung und extrem grobkörnigem Material liefert befriedigende Ergebnisse. Doch Schleifer kaufen, Band einsetzen und los – so einfach ist das nicht. Know-How ist gefragt. Wenn der Winkel nicht passt, fliegt die Simulation am nächsten Treffpunkt schneller auf als es lieb ist. Darum vorher nachdenken. Passt der Winkel? Passt die Körnung? Passt die Tiefe?

Beste Erfahrungen wurden mit einem Aufbau gemacht, bei dem der Schleifer mit der Unterseite nach oben auf einem Brett befestigt wird. Das gesamte Brett wird schön parallel zum Motorrad ausgerichtet. Kombi an, auf korrekten Sitz achten und das Garagentor von innen schließen. Muss ja nicht jeder alles sehen. Handy mit Notruffunktion bereitlegen – falls mal etwas schief geht. Und vorher ´ne frische Unterhose an – könnte ja mal was sein. Nun wird’s spannend. Der Motor des Bückeisens muss nicht laufen, kann aber. Wenn schon, dann die Drehzahl kurz vorm roten Bereich halten. Ist authentischer. Schalte den Bandschleifer ein, richte ihn so aus, dass das spitze Knie in Schräglage genau auf der Schleifebene landet. Sachten Druck ausüben, nicht zu lange. So sind Top-Ergebnisse zu erzielen, die beim nächsten Treffen die Warmduscher vor Respekt verblassen lassen.

Die Schräglage ist die eigentliche Herausforderung bei dem Bearbeitungsprozess. Kenner wählen den Realmodus. Eine Gartenharke wird im Winkel Wand/Boden fixiert. So kann man elegant auf dem Motorrad sitzend am Stiel entlang gleiten bis die gewünschte Schräglage erreicht ist. Weil gewisse Faktoren, die im fahrdynamischen Zustand eine entscheidende Rolle spielen, hier nicht wirken, ist besondere Vorsicht geboten. Schwere Maschinen, so über 90 Kilogramm, sind alleine nicht zu halten! Am besten wird Hilfe durch Gleichgesinnte in Anspruch genommen. Hier muss allerdings äußerst vorsichtig agiert werden, weil man sich Mitwisser einhandelt.

Eleganter, aber aufwendiger,  ist der Bau einer Schleifernachführung, die nicht das Knie zum Schleifer bewegt sondern umgekehrt. Hier kann man alleine agieren, funktioniert auch mit schwereren Maschinen und kann auch verliehen werden. Top Idee, top Optik, top Eindruck. Wer nun mit der Rennsemmel zum Treff fährt, der ist ganz weit vorne. Allerdings muss zwingend darauf geachtet werden, dass der Schissrand am Reifen passt. Und auf das verkehrstechnische Lokalkolorit. In der ostfriesischen Topfebene weiß eh keiner was Schräglage ist. Wenn der nächste Kreisverkehr 80 km weit weg ist, ist der Bluff in Sachen Knieschliff schnell aufgeflogen. Zumal im Kreisverkehr nur das linke Pad benötigt wird.

Wie man sieht, ist das Thema nicht trivial. Also erst nachdenken, dann auf die Brause hauen. Oder gleich Chopper fahren. Darum in einer der nächsten Folgen: „Böse gucken leicht gemacht. Dem Sensemann mal  Angstschweiß machen.“

Wie der Reifen professionell bearbeitet wird, kommt in der nächsten Folge: „Breites Grinsen mit schmalem Schissrand“.
Allzeit Gas und Drehzahl immer fünfstellig.

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