Fuel for the Soul | 31 Stories über ein Leben mit Benzin

In seinem Buch Fuel for the Soul nimmt der Autor R. Henniges zielgruppengerecht den Leser mit auf eine grelle Tour durch ein motorengeschwängertes Leben.

Eingestimmt wird durch das Abreiten der Hausstrecke in Henniges Heimat, damals noch als Zonenrandgebiet tituliert. 10 Jahre sind seit der letzten Heimattour vergangen, es wird in Erinnerungen geschwelgt. Die Ortsnamen werden an langer Schnur gelistet. Wer die Gegend nicht kennt, wem die Orte nichts sagen: macht nichts, braucht sich keiner zu merken. Sie dienen als Synonyme für die eigene Gegend, die eigenen heimischen Gefilde, die eigenen Erinnerungen. Für die Neugierigen gibt es am Ende des Buchs eine Übersichtskarte.

In 31 Stories nimmt Henniges den Leser mit durch seine eigene Jugend, in der nichts wichtiger war als schnellstmöglich so erwachsen zu werden, dass legal Mofa, dann Mokick, dann 80er, dann Motorrad gefahren werden durfte. Und weil nicht immer gewartet werden wollte, wurde vorzeitig am Gas gedreht – mit entsprechenden Nebenwirkungen.

Der wilde Jugendtrip wird nicht allein durchfahren. Stets dabei sind seine Kumpels Schröder, Tüte und Pinne. Die Jugendgeschichten, die von Jagd nach Geschwindigkeit und dem anderen Geschlecht leben, bilden den roten Faden durch das 380 Seiten starke Buch.
Henniges nimmt seine Kumpels und sich selbst ordentlich aufs Korn. Dabei gelingt es ihm perfekt, die Jugendschoten mit seinen schrägen Kumpels mit lakonischem Witz, nicht immer politisch korrekter Wortwahl und bildhafter Sprache auf des Lesers eigene innere Leinwand zu projizieren. Die Geschichten stehen für sich, rufen eigene Erinnerungen wach. Die Charaktere werden schrullig und detailscharf, aber vor allem zum Wegschmeißen witzig gelebt. Dabei immer, ohne jemand bloßzustellen. Seien es Sprachfehler, Haarausfall, Plautzen oder kurze Beine, Rechtschreibschwächen oder unglücklicher Geschmack bei der Klamottenwahl. Nur zwei kommen nicht so gut weg: Hermine und der Proll mit dem Opel GT aus Bottrop. Dass der für das gesamte Ruhrgebiet steht, muss noch diskutiert werden.

Die Stories über den Trip durch die Jugend werden ergänzt durch Reportagen, die den Lesern von MOTORRAD oder FUEL möglicherweise bekannt sind, teilweise in geänderter Form. Ein Trip nach Hamburg, um eine Ducati von Jens vom Brauck zu checken, ein Trip nach Amsterdam, um dort Legales zu checken, ein Trip nach Usedom mit seinem Sohn Paul und nicht zuletzt zur TT auf der Isle of Man. Abgerundet werden die Trips durch einen kurzen Extrakt zweier sehr langer Reisen. Die eine führte zum Kap der Guten Hoffnung, die andere nach Australien. Was nicht fehlen darf, ist eine Rückblende. Die Frage, ob das erste Moped mit der ersten Liebe auf dem Sozius die großen alten Gefühle wiederbringt? Henniges beantwortet sie gekonnt.
In lockerer Conférencier-Manier führt Henniges den Leser kursiv durch sein Buch, von Geschichte zu Geschichte.

Wer Comics mag, die Bilder aber störend findet, der findet hier einen äußerst kurzweiligen Schmöker. Apropos Bilder: Illustriert werden die Geschichten durch Cartoons von Holger Aue. Wort und Bild sind hier gleichauf.

Meine Highlights sind zunächst die Geschichte über den Weg zum ersten Führerschein bei Herrn Kasper, begleitet vom wirren Schridde und abgesegnet von Stumpen-Gustav Riebenholz. Zweites Highlight die Geschichte von Karlow, dem bräsigen Detektiv, der die Geheimnisse der B66 erkundet. Hier zeigt Henniges, dass er den Erzählstil drastisch, aber immer noch humorig wechseln kann wie andere Leute die Socken.

Fuel for the Soul ist ein geschriebener Comic-Strip, ein Roadtrip durch ein motorisiertes Leben. Immer auf maximal zwei Rädern und immer hart am Limit. Passt. Wer Roadmovies mag und statt Gucken mal Lesen möchte, ist hier richtig. Wer Geschichten wie Tschick mag, aber mit mehr Tiefgang, Comics wie Werner, aber mit mehr Inhalt und Zeichentrick wie Charlie Brown mit dem Bild der Erwachsenenwelt, sollte sich den Schmöker reinziehen. Es lohnt sich, das Buch ist hilfreich beim Auffinden der eigenen Erinnerungen, ohne pathetisch zu werden.

R. Henniges bleibt allerdings dem Leser die Antwort auf eine brennende Frage schuldig: Wie sein eigener Spitzname war, bleibt im Dunkeln. Erinnert irgendwie an Rumpelstilzchen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
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FUEL FOR THE SOUL
tts production, Stuttgart
ISBN 978-3-00-046058-6
https://www.rolfhenniges.de/bucher/fuel-for-the-soul/

2 Kommentare zu “Fuel for the Soul | 31 Stories über ein Leben mit Benzin”

  1. Hallo Serge,
    Deine Kritik von R. Henniges „Fuel for the soul“ ist wie eine Feierabendrunde durchs kurvenreiche Sauerland an einem lauen Spätsommerabend. Sie weckt das Verlangen nach der großen Tour.
    Als begeisterter Leser der „Fuel“ fieber ich schon der nächsten Ausgabe entgegen, was nicht nur an den tollen Beiträgen von Herrn Henniges liegt, auch die anderen Autoren wissen zu begeistern. „Fuel for the soul“ wird mir die Wartezeit auf die Nächste Ausgabe von „Fuel“ verkürzen. Ich freue mich drauf, danke für den Tip

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