Harley-Davidson Fat Bob – Blindverkostung in Barcelona

Keinen Plan, aber dicke Buxe

Barcelona im Herbst. Das heißt nicht wirklich Herbst nach Vorstellungen, wie sie ein Ruhrgebietler hat. Barcelona im Herbst heißt 24 Grad und Sonnenschein. Darum fliegt man ja dort hin. Oder aus anderem Grund. Ich war Ende September in Barcelona, aus beruflichen Gründen und mit ein wenig Zeit zur freien Verfügung. Das Hotel chic und in einzigartiger Lage: Direkt nebenan hat Harley-Davidson einen von zwei Shops in Barcelona platziert.

Am zweiten Tag war spätnachmittags die Zeit offen für freie Planungen. Zwei Optionen und eine Wahl. Entweder die Stadt anschauen oder zunächst mal einen tiefen Blick in das Innere des HD-Shops riskieren. Mal die neuen Modelle Probesitzen. Eine halbe Stunde später saß ich auf einer nagelneuen Harley, die Nase nach Süden ausgerichtet, auf dem schnellsten Weg aus der Stadt heraus.

Auf so eine Fahrt war ich nicht vorbereitet. Keine Handschuhe, keine Stiefel, keine Lederjacke. Der Helm wurde mir im Shop geborgt. Zwar zierte die Schale ein HD-Schriftzug, im Gegensatz zu dem Motorrad hatte das Teil aber bereits ein bewegtes Leben hinter sich und roch immens streng nach Freiheit. Modellbezeichnung wahrscheinlich Harley Fett Kopp. Zudem erzeugte die Pille eine Geräuschkulisse wie ein Windjammer im Sturm. Es zog und pfiff aus allen Ritzen. Der Helm taugte nichts. So ritt ich mit dem stampfenden V2-Trümmer durch die City, mein Look wie ein Buchhalter nach Feierabend und absolut nicht für einen HD-Werbeprospekt geeignet. Im Kopf hatte ich die Route, die mir der freundliche HD-Dealer auf einen Zettel skizzierte. Verziert wurde der Plan durch mehrere Aussichtpunkte südlich von Barcelona, an denen ich einen Stopp einlegen und die Aussicht mit einem Bier verschönern sollte – so war die Empfehlung. Bier und Harley, das passt ganz gut zusammen. Passend zu meinem spießigen Outfit und mangels Kenntnis über spanische Alkoholgrenzen habe ich das trotzdem bleiben lassen.

Das Motorrad

Die Auswahl war relativ einfach. Es stand die 750er Street zur Auswahl, daneben die 883 Iron und schlussendlich das größte der drei Modelle. „So, you want the Fat Bob?“ schloss der HD-Berater den Rundgang um die drei Teile ab. „Yes, please“. Ich hatte keine Testberichte im Kopf, die mich in irgendeiner Weise im Vorfeld beeinflusst hätten. Mich interessierte HD nie übermäßig, kann die Modelle nur grob unterscheiden, kenne keine Charakteristika, keine Leistungsdaten. So geht eine Motorrad-Blindverkostung. Im Rückblick ist interessant, dass das Teil sage und schreibe 1,9 Liter Hubraum hat, über 300 kg wiegt, 94 PS bei 5.000 U/min liefert und sein maximales Drehmoment von 150 Newtonmeter hat – bei gerade mal 3.000 Umderhungen pro Minute . Ich wusste das beim Fahren nicht. Ebenso war mir nicht klar, dass es sich um das 2018er Modell handelte.

Sound of Silence

Wirklich spannend, völlig emotions- und ahnungslos mit einem der aktuellen Topmodelle durch die Gegend zu blasen. Cool durch Zufall. Andauernd wurde ich auf die Harley angesprochen. PS? Preis? Wie fährt die? Warum steht eine 114 auf dem Luftfilterkasten? Ist das die Höchstgeschwindigkeit? Ich hatte doch keine Ahnung. Meine erste Meinung nach ein paar Kilometern: Für so einen Eisenhaufen ziemlich handlich. Ein Dreh am Hahn lässt die Arme lang werden. Ein unglaublicher Durchzug, dabei relativ verhaltener Sound. Kein Vergleich zum Beispiel zu einer RNineT, die ab Werk schon saulaut ist. Der typische V2-HD-Sound erreicht immer das Ohr, ohne der Umwelt über Gebühr auf den Sack zu gehen. Wirklich an der Fat Bob Interessierte bekommen sicherlich im Zubehör passende Krawallrohre für einen mindestens vierstelligen Betrag, der ihnen die volle Aufmerksamkeit Unbeteiligter sichert und das zarte Egopflänzchen behutsam gießt. Wobei nicht jede Aufmerksamkeit automatisch so etwas wie Bewunderung bedeutet. Nicht alles, was auf das Egopflänzchen tropft, ist Wasser. Düngen geht anders.

Weitercruisen, verlasse die Stadt und gerate in der Gegend hinter Cervello langsam in kurviges Gefilde. Geht ganz locker ums Eck, die überbreiten Reifen tun der Handlichkeit keinen Abbruch. Locker lässt sich die Fette durch die Radien schaukeln, alles im 4. Oder 5. Gang. Den Sechsten braucht es auf der Landstrasse eher nicht. Am Scheitelpunkt ein kurzer Dreh und der V bringt mich augenblicklich über die Grenze der Tempo-Zulässigkeit. Klar, das kann jede 600er auch. Beeindruckend ist aber, wie die Leistungsentfaltung bei dem Stuhl ist. Um den Begriff der Entschleunigung nicht überzustrapazieren, lasse ich den hier mal weg. Aber wenn ich in den letzten Monaten eine Maschine gefahren bin, die dem entspricht, dann war es diese Fat Bob. Geschwindigkeit wird wirklich egal. „Lass‘ sie doch alle heizen, ich brauche das nicht!“ Das ist der Grundtenor, den ich die ganze Zeit beim Fahren hinausposaunen könnte. Auf der Fat Bob durch das spanische Hinterland zu schaukeln, ist ein wenig vergleichbar mit dem Ritt auf einer Welle, die niemals bricht.

Fazit

Die Fat Bob liefert ab Werk ein absolut lässiges Fahrgefühl. Nervig oder gewöhnungsbedürftig ist das Getriebe, das beim Schalten zwischen Erstem, Leerlauf und Zweitem Überlegungen weckt, mal im Landmaschinenforum nach Verbesserungsvorschlägen zu suchen. Nach ein paar Stunden habe ich diese Eigenart als Charakter verbucht. An der Ampel im Standgas nervt mich das Gestampfe des V, das sich unrhythmisch durch den verlängerten Steiß bis in die Augen fortpflanzt und den Blick trübt. HD-Kenner rollen jetzt die Augen. Klar, gehört sicher dazu, das Stampfen. Dabei fällt noch auf, dass es immer einen Augenblick dauert, bis sich der Motor auf seine Standgasdrehzahl einpendelt. Mein Eindruck war, dass die Elektronik nicht fix genug regelt. Fühlt sich komisch an, ein wenig synthetisch. Ansonsten ein überzeugender Auftritt. Ach ja, der Kennzeichenhalter. Optisch passt das meiner Ansicht nach nicht, bleibt nur der Ausweg über die allseits beliebte Seitenmontage, die zwar angesagt, aber meiner Meinung nach auch immer ziemlich nach Bastelstube aussieht.

Hochinteressant die Fahrt, ohne im Vorfeld durch Tests, Pressemitteilungen, HD-Vertreter oder sonstigen Output auf die Fat Bob aufmerksam geworden zu sein. Dabei verstehen es die HD-Werbestrategen besonders gut, ihren Stachel in nicht mehr ganz so frisches Fleisch zu bohren. Völlig losgelöst von den Lifestyle-Hymnen, die HD mit mächtig viel Aufwand anstimmt, um den Jüngern das Versprechen von Freiheit in die Hirnrinde zu meißeln, konnte ich das Eisen bewegen. Und siehe da: Macht auch ohne den ganzen Marketinghype Spaß. Also liebe HD-Marketingnasen: Hört auf, einen auf dicke Hose zu machen und lasst die Menschen einfach eure Dinger fahren. Die einen mögen sie, die anderen nicht. Ich werde mir keine kaufen, ist mir einfach zu teuer, der Spaß.

Geliehen habe ich die Harley bei Espacio Harley Davidson Barcelona, Carrer Joan Güell 207, Barcelona. Sehr nett dort, einen Besuch wert. Direkt nebenan ist die 99% Moto Bar, auch empfehlenswert. Ruhige Atmosphäre, kein Geschisse, Anlaufstelle nicht nur für Leute mit typischer Harley-Attitüde.

Das ganze Viertel Les Corts ist sehenswert, wenn die üblichen Touristenströme gemieden werden sollen. Einfach mal zu Fuß die Gegend erkunden. Schöne Lokale, entspannte Menschen, keine Touristenabfertigung.

6 Kommentare zu “Harley-Davidson Fat Bob – Blindverkostung in Barcelona”

  1. So geht Motorrad Schreibe. Danke schön an dieser Stelle. Frage mich immer warum die ganzen Schreiberlinge gg. Geld sowas nicht mehr auf die Platte bekommen. Kurz, prägnant – witzig so muss das. Danke

  2. Sehr cooler Bericht! Danke! HD kommt zwar nicht infrage, aber bei meinem nächsten Barcelonaaufenthalt werde ich eine probefahren 🙂
    Grüße
    Andreas

    1. Hallo Andreas,
      schön, wenn’s gefällt, Danke. Mit der Probefahrt ging das nicht, habe die Fat Bob gemietet. Hat sich aber gelohnt. Im Text noch als Nachtrag ein Link auf den Händler.
      Grüße
      Serge

  3. Die Hälfte des Artikels beschäftigt sich mit dem vergessenen Helm. Ähnlich unvorbereitet wirkt auf mich der Rest dann auch. Netter Versuch Ahnungslosigkeit mit Unvoreingenommenheit zu umschreiben.
    Beispiel gefällig:
    Eine Harley die im Stand vibriert – wow? Das die Drehzahl auf 850/min abgesenkt wurde entzieht sich sich dem Autor offensichtlich. Daher rührt die beschriebene Verzögerung. Erst wenn die Parameter aus Motortemperatur, Abgas etc. dies erlauben wird die Drehzahl abgesenkt. Stichwort: Potato-Sound.
    Das hat nichts mit langsamer Elektronik zu tun, sondern soll ein plötzliches Absterben ein so langsam drehenden Motor entgegen wirken.

    Für einen Vergleich mit den Vorgängern fehlt die Sachkunde (?), respektive die Erfahrung

    1. Hallo Andreas,
      dass der Artikel auf einer Unkenntnis – oder, wie Du schreibst, Ahnungslosigkeit – beruht, sollte nicht entgehen. Für Zweifler ist das sogar explizit erwähnt. Quintessenz ist, dass auch Nicht-Harley-Jünger Lust bekommen sollten, sich mal auf eines der neuen Modelle zu setzen. Dass das Teil im Stand vibriert war mir schon klar. Trotzdem ist das Ausmaß im Standgas meinem Empfinden nach enorm, vielleicht auch störend. Anderen tun die Vibrationen vielleicht gut. Über Kartoffel-Klang habe ich mich nicht informiert, interessiert mich auch nicht. Ich nehme mal an, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Ziel des Beitrags ist es nicht, über technische Feinheiten, Neuerungen etc. zu berichten. Die gibt es zuhauf gedruckt und im Web.
      Und richtig erkannt: für einen Vergleich mit den Vorgängern fehlt mir tatsächlich die Sachkunde. Habe ich aber auch nicht behauptet, die zu haben.
      Danke für’s Feedback.
      Serge
      Serge

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