Kurvengeschichten

Kurve mit Motorrad

Schräglage, Geschwindigkeit, das Spiel der Längs- und Seitenkräfte, die letzte Rille, das Knie am Boden, spät bremsen und früh beschleunigen. Kurven fahren ist das Salz in der Suppe des Motorradfahrens. Und wirklich, selten kommt mir eine besonders schöne Gerade in den Sinn, wenn ich übers Motorradfahren nachdenke. Das war schon immer so.

Die Liebe am Ende der Kurve

In den frühen Achtzigern hatte ich eine Zündapp K80 und eine Freundin im Sauerland. Täglich ging es vom Rand des Ruhrgebiets knapp 20 km zur Dame des Herzens.  Kurve reihte sich an Kurve, die Straßen waren schlecht, eng und damals noch wenig befahren. Das perfekte Terrain, um täglich am Können und Fahrstil zu arbeiten. Ich wollte mehr, ich wollte schnell sein, ich wollte perfekt werden. Was ich nicht konnte, probierte ich aus oder las es mir an. „A twist of the wrist“ von Keith Code war meine Bibel. Detailliert folgte ich den Erläuterungen für angehende Rennfahrer. Und ich hatte Erfolg. Nachdem ich die Strecke sicher 500 Mal konzentriert unter die Räder genommen hatte, war ich vorn. Immer. Grinsend lies ich die alten Säcke auf den großen Maschinen von hinten kommen und zeigte ihnen, wo der Frosch die Locken hat, sobald sie sich in Schlagweite wähnten. Was für ein Spaß und eine Lehre fürs Leben: Es kommt nicht auf die Motorleistung an, um schnell und sinnlich unterwegs zu sein.

Hochoben im Norden

Ziemlich genau auf dem Höhepunkt der Selbstzufriedenheit über mein Fahrkönnen machte ich meinen ersten Motorradurlaub. Immer noch auf K80. Gemeinsam mit Kumpel Kurt auf DT80LC knatterten wir gen Norden. Der Blick auf die Nordsee sollte uns das Gefühl von Freiheit und unendlicher Weite bescheren. Wir hatten gutes Wetter, keine Pläne und nichts weiter zu tun, als zu fahren und zu fahren. Nur Kurven und deren gebührende Aufmerksamkeit, davon gab es nicht so viel. Und das sollte sich rächen.  

Auf dem Weg nach Dänemark entdeckten wir Wirtschaftswege direkt am Wasser entlang. Ob man die befahren durfte, fragten wir gar nicht erst, zu genial war die Kulisse, zwei beste Freunde auf Mopeds am Meer der Sonne entgegen. So ungefähr waren meine Gedanken, als ich – eingelullt vom ewigen Geradeausfahren – Kurts Bremslicht ca. 100 m vor mir grell aufleuchten sah. Das Bewegungsmuster von Kurt auf seiner DT vermittelte den Eindruck von Panik.  Oha! Da war irgendwas. Und dann war ich auch schon dran. Der Weg knickte ab, eine Kurve. Und ich war viel, viel zu schnell. Unter den Hundekurven dieser Welt war das eine tollwütige Bestie. Vollautomatisch spulte ich mein Ritual ab: Voll in die Eisen, solange es noch irgendwie geradeaus geht und dann runter, tiefer, maximale Schräglage, deren Ende durch das Aufsetzen der nicht klappbaren, aber umso stabileren Fußrasten markiert wurde. In Sekundenbruchteilen rubbelte sich der Gummi ab und das darin verborgene Stahlrohr begann den Asphalt zu ritzen.  Erstaunlich, wie mein Hirn automatisiert die Hinweise von Meister Code abrief: Bei Stürzen immer hinter der Maschine bleiben, sonst kracht sie dir ins Kreuz. Ich erlebte eine Einstein´sche Zeitdehnung, denn es waren nur Sekundenbruchteile, in denen mein Rückenmark entschied, die Maschine loszulassen um unbedingt dahinter aufzuschlagen. Das Manöver gelang. Die geliebte Zündapp verabschiedete sich funkenstiebend in den Graben und ich rutschte über die Straße. Zunächst mit dem Kopf voran gleitend, gelangte ich bald in eine Rotation um die Längsachse. Ich sah: Himmel oben – Himmel unten – Himmel oben – Himmel unten usw. begleitet vom rhythmischen Klopfen des Helms auf der Fahrbahn. Dann erreichte auch ich den Straßengraben.

So richtig viel war nicht passiert, eine Wunde am Knie zeugte davon, dass die Kevlarjeans noch nicht erfunden war. Handschuhe, Helm und Lederjacke hatten ihren Zweck erfüllt. Die Zündapp war noch fahrbar.

Was folgte, war eine ärztliche Behandlung, die Jeans, Asphalt und Kniegewebe sortenrein trennte. Das Brennen der Jodtinktur brachte mein Selbstbewusstsein wieder mit der Realität in Einklang.

Hauptgewinn am Stelvio

Gut zwanzig Jahre und tausende Kurven nach meinem nordfriesischen Asphaltkontakt ergab sich die Chance, das Stilfser Joch, oder den „Passo dello Stelvio“ wie wir italophilen Cosmopoliten gerne parlieren, unter die Räder zu nehmen.  Jenen Mythos unter den „Musst Du gefahren sein“ -Straßen: 48 nummerierte Kehren an der Westrampe schrauben Dich auf 2750m, mit Steigungen bis 15% und allen Schikanen des Hochgebirges, von Wetterkapriolen bis Wohnwagengespannen im Schritttempo. Wie soll das eigentlich Spaß machen?

Bei meiner Anfahrt, diesmal auf Kawasaki Zephyr 750, ahnte ich Schlimmstes. Schon Kilometer vor der allerersten Kehre stauten sich sämtliche Spezies von vier- und mehrrädrigen Verkehrsteilnehmern in einer unendlichen Reihe aus Blech, Hitze, Abgas und Ungeduld. Ich schlich mich vorsichtig vorbei und erreichte zügig den Anfang des Blechgewürms. Dort waren sich zwei Kleintransporter in Kurve eins so unsanft begegnet, dass es einen von Beiden auf die Seite gelegt hat. Kein Durchkommen für Zweispurfahrzeuge. Aber für mich! Kurzer, wohlwollender Blickkontakt zu den entspannten Uniformierten, ein Nicken und ich war vorbei. Vor mir der Stelvio, ganz für mich allein. Was nun kam, war ein Genuss, der schwer zu beschreiben ist. Jede einzelne Kurve gehörte mir allein. Ich konnte jagen, genießen, probieren, lernen. Jede Kehre machte ich zu einem Fest, ein Kurvenrausch wie nie zuvor und nie wieder danach.  Oben angekommen wurde mir die Einzigartikeit der Situation bewusst. Also schnell drehen und das Ganze noch einmal abfeiern. Doch schon nach wenigen Kilometern kamen mir die Ersten Staugeplagten entgegen, die Straße war wieder geöffnet. Der perfekte Moment sollte einzigartig bleiben.

Showdown am Texaspass

Für ein paar Jahre wohnte ich am Kaiserstuhl , einem Paradies für Kurvenhungrige zwischen Schwarzwald und Vogesen. So ergab sich die schöne Situation, dass ich eine Teststrecke erster Güte direkt vor der Haustür hatte. Die Ergebnisse meiner Garagenschrauberei konnte ich, kaum hatte der Motor Betriebstemperatur erreicht, am sogenannten Texaspass überprüfen. Wobei „Pass“ ein großes Wort für eine Handvoll Kurven mit ordentlich rauf und runter ist. 

Inzwischen überwiegend mit gut abgehangenen Vierzylindern aus dem Hause Kawasaki beschäftigt, bot mir der Texaspass das ideale Terrain für klassische Test- und Einstellfahrten alter Schule.  Stimmt der Durchzug nach der Arbeit am Vergaser? Wie machen sich die Conti Classic Attac auf Z650? Zeigt der Gabelölwechsel Wirkung?  All diese Fragen beantwortete mir der Texaspass und natürlich lernte ich jeden Zentimeter der Streckenführung aufs Intimste kennen. Hier wusste ich, was geht und die letzte Rille war der Standardmodus. Wie damals im Sauerland. Ich war unschlagbar.

Bis zu dem Tag, an dem ich meinte, das optimale Setup gefunden zu haben, in höchstmöglicher Schräglage wie an der Schnur gezogen die Idealline neu definierte. Nur um im Augenblick maximal empfundener Souveränität von einem anderen Motorradfahrer überholt zu werden. Ansatzlos. Das war kein Supersportler, da war kein Knie am Boden und das sah ganz und gar nicht halsbrecherisch aus, eher entspannt und einfach gekonnt. Es sei Ihm (oder Ihr?) gegönnt.

Und ich bin froh, dass ich noch lange nicht das Limit erreicht habe und immer noch dazulernen kann. Meinen Horizont erweitern. Gewöhnung oder Langeweile sind nicht in Sicht.

Solange es noch Kurven gibt.

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