Paletten und Mopeten

Fly Low-Festival in Brügge

Was haben ein Tank aus Glas, ein Muffin und eine Fliegengiftspritze mit Motorrädern zu tun?

„Verpisst Euch aus London, Ihr Wichser! Fahrt nach Brügge!“ Wer den Film „Brügge sehen und sterben“ gesehen hat, wird sich an das Zitat erinnern. Eine unmissverständliche Anweisung vom fiesen Harry (Ralph Fiennes), die Ken (Brendan Gleeson) und seinen Kompagnon Ray (Colin Farell) zwingt, eine Weile abzutauchen. In Brügge. Neben Papenburg, Giethorn und Emden (sowie einige andere, weniger namhafte Städte) wird auch Brügge als das Venedig des Nordens bezeichnet. Und das völlig zu Recht, wie ich finde.

Auf der Suche nach den neuesten Inspirationen aus der Customer-Szene waren wir dieses Jahr in Brügge auf dem Fly Low-Festival. Veranstalter ist Hermanus, der mitten in der City ein kleines aber feines Ladengeschäft für Kleidsames betreibt. Die Zielgruppe kommt eindeutig frisurbetont daher, den Bart mit ordentlich Wichse in Form gestriegelt.

Schade war, dass Hermanus entgegen der Ankündigung im Web sein Ladenlokal wegen des Fly Low Fests an dem Wochenende nicht geöffnet hatte. Somit kann hier nicht beurteilt werden, was im Detail dort der werten Kundschaft offeriert wird. Nebenan bietet Hermanus in stilsicherem Ambiente den Plaudertaschen unter den Customern ein Café. Hatte leider auch geschlossen.

Ab zur Fly Low-Arena am Stadtrand. Eintritt sechs Euro und gucken. Schöne Paletten hier. Warum werden Umbauten immer auf Paletten ausgestellt? Zum Glück durften wir unsere Maschinen auf dem Parkplatz für’s Fußvolk auf dem Asphalt abstellen. Auch egal. Viele Menschen auf dem Vorplatz. Gesehen werden schien hier wichtiger als Sehen. Nach einer halben Stunde hatten wir uns der Kernfrage gewidmet: Warum finden solche Treffen statt? Um Gleichgesinnte zu treffen? Die waren da, aber stets in Kleingruppen organisiert. Ein Gefühl wie „Da kommen wir nicht rein“ machte sich breit. Also enterten wir die Halle. Weil die ausgestellten Paletten alle gleich designt waren, haben wir die Motorräder beäugt. Einige der Teile waren wirklich originell, andere gut geeignet, die Palette zu belasten, um deren unautorisierten Abtransport zu erschweren.

Erfreulich: Nicht nur extrem Umgebautes fand den Weg in die heilige Halle sondern auch seriennahe Fahrzeuge à la RD 500 und GSX 750 R aus der ganz frühen Serie. Gut erhaltene Geräte aus alter Zeit, als Vergaser noch mit Bowdenzügen geöffnet wurden. Nicht, das ich das besser finde, es war einfach so.
Vieles war schon vorher zu sehen, zum Beispiel auf der Custombike-Show in Bad Salzuflen, dem Neapel Westfalens.

Wohin geht die Reise bei den Customizern? Grundsätzlich steckt hinter dem Begriff „Customizing“ – zumindest im Ursprung des Begriffs – der Ansatz, Kundenwünsche umzusetzen. Also sagt der Kunde an, was der Umbauer zu machen hat. In der Realität stelle ich aber einen künstlerischen oder – echt nervig – künstlerisch gemeinten Ansatz fest. Dem Kunden wird suggeriert, dass irgendein zweirädriger Plunder am besten zu seinem Bart im Detail und dem Zeitgeist im Allgemeinen passt.

Und längst ist die Subkultur des Umbauens zum Mainstream verwarzt. Es ist wie bei jedem Trend. Sobald die Marketingnasen bei den Großherstellern den Umsatz gewittert haben, schwingen sie sich auf die Woge auf, reiten sie verstärkt mit viel Kohle rapide ab, bis sie schnell im seichten Sand der Belanglosigkeit verebbt und langsam eintrocknet. Die wirklich Kreativen unter den Subkulturellen suchen sich rechtzeitig ein neues Feld. Und das muss nicht zwangsläufig mit Motorrädern gesät sein. Sehen wir demnächst umgebaute Schiffschaukeln oder Tretboote? Wohl kaum.
Bleiben wir also wünschenswerterweise bei den Motorrädern. Und beim Fly Low in Brügge.

Was gibt es zu sehen? Den Tank aus Glas hatten wir schon, zum Beispiel in besagtem Neapel. Handwerklich toll, optisch Spitzenklasse, solange er leer ist. Als Kunstwerk einmalig schön, als Gegenstand im eigentlichen Sinn – also als Spritreservoir – von der eher unpraktischen Sorte. Da kann man sich auch ein Surfbrett ans Motorrad tackern und damit durch die Kölner City brezeln. Ach ja? Hat es schon gegeben? Mit Kölner Kennzeichen? Ich wäre für den Tipp dankbar, wo man in Köln oder Umgebung surfen kann. In Biarritz geht das und sogar in München. Aber zurück nach Brügge.

Dann war da noch die Honda ohne Vergaser! Man kann ja das Moto strippen und bis auf’s Wesentliche reduzieren. Solange aber der Motor dran belassen wird und das Gefährt nicht auf einer Laufrad- sondern Motorradausstellung präsentiert wird, solange sollte doch zumindest suggeriert werden, dass das Gezeigte auch fahrbereit ist. Warum wird also auf Vergaser oder sonstige Gemischaufbereitung verzichtet? Egal. Kann man ja so machen. Wird schon seinen Grund haben. Vielleicht Zeitdruck im Projekt oder so.
An einem anderen Bastelprojekt wurde seitlich am Heck eine ausrangierte Fliegengiftspritze angepanzt. Das Teil bringt auf dem Flohmarkt keinen Umsatz, am Motorrad zeigt es die ungebändigte Kreativität in der Umgestaltung fahrbarer Untersätze. Ich fange die Fliegen mit dem Scheinwerfer oder den Zähnen. Haken dran.

Wenn der Grundsatz beim Umbauen gilt „Hauptsache anders – egal wie“, die Fahrbereitschaft dem optischen Machwerk unterworfen wird und jeder, der ein schwedisches Regal an zwei Abenden mit einem 5er Inbus zusammenpliestern kann, nun anfängt, sich an den raren Ikonen meiner Jugend zu vergreifen, dann bin ich froh, wenn der aktuelle Trend den Bach runtergeht und diejenigen übrig bleiben, die es wirklich können. Künstlerisch wie handwerklich.
Im Fokus steht nicht nur die Form, sondern auch – und in erster Linie – die Funktion. Und die ist bei einem Motorrad klar vorgegeben. Also sollte ein Fahrzeug auch fahren können und nicht nur danach aussehen.

Was ist als nächstes dran? Ich wage mal eine Prognose: In drei Jahren wird der Markt leergefegt sein, was Softchopper der 80er betrifft. Erste Witterung kann bereits aufgenommen werden. Also liebe Customizer, kauft schon mal ein. Und die Serienhersteller holen die alten Pläne hervor, stopfen Einspritzungen in Vergasergehäuse und fertig ist die Laube. Ich bin gespannt.

Noch etwas zu den Paletten. Ganz großer Trend. Die wetterfest aussehende Sitzgruppe im Garten wird nach Anleitung aus „Der Mann macht’s sich selbst“ zusammengespaxt und für gemütlich erklärt. Palettencustomizing sozusagen. Und wo sollten auszustellende Motorräder mal auf- bzw. ausgestellt werden statt auf Paletten? Vorschlag: Nehmt doch Auslegeware aus dem Heimtextilmarkt. Vorteil ist, dass man den Teppich auch seitlich in den Surfbretthalter stopfen kann, beim nächsten Treffen lässig ausrollt und seine Mopete stilsicher präsentiert. Und auf den Zubehörmarkt drängen dann noch die Teppichhersteller. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Nun, das Fly Low war schön, aber wie ein Muffin auf bereits vollen Magen. Irgendwann schmeckt es nicht mehr so richtig und macht nur noch fett. Trotzdem lohnt sich die Fahrt, wenn noch Zeit für Brügge bleibt. Die Stadt ist customized und nur minimal mainstream. Sehr gut zu Fuß zu erkunden, gerne auch am späten Abend. Abseits der Touristenströme lassen sich ganz besondere Stimmungen einfangen. Und wer Ruhe braucht, macht einen Abstecher ans Meer. Halbe Stunde biste da. Einfach mal eine Weile abtauchen.

Anm.: Dieser Beitrag von mir erschien in der MOTORRAD, Ausgabe 22, Seite 98, 2017 unter gleichem Titel.

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