Sehr gefährlich, soviel ist sicher. Motorradfahren und das Unfallrisiko.

Neulich war ich wieder unterwegs im Sauerland. Abseits der Hauptstrecken, ohne Pulk, ohne Eile, mit Muße. Irgendwie kam ich nicht so richtig in Fluss. Müde, müde, geh‘ zur Ruh‘…

Wie im Flug

Ein Hinweisschild zum Arnsberger Flugplatz tauchte auf, ich bog ab, um mal zu schauen, was im Luftraum über der Gegend los ist. Nicht viel. Der Flugplatz ist perfekt zum Ausruhen. Kein Fluglärm, wenig Menschen und kaum Ablenkung. Die Mopete wurde geparkt und die beste der aufgestellten Bänke besetzt. Ich döste vor mich hin, ich fand mich gut, ich fand die Welt gut. Ein ruhiger Ort. Das Einzige, was dort flog, waren meine Gedanken.

Ab und an kamen ein paar streunende Spaziergänger mit Hund vorbei, einige verschwanden im Bauch der Ju 52. So heißt das ansässige Café. Das Gebäude ist tatsächlich mit Wellblech verkleidet. Aber nicht alles, was mit Wellblech verkleidet ist, hat automatisch die Ästhetik von Hugo Junkers‘ Flugzeugen. Wie kann man ein Zweckgebäude mit Wellblech verkleiden und es dann noch Ju 52 nennen? Die Frage können nur die sauerländer Fliegereifreunde beantworten. Das war aber auch schon das Einzige, was mich juckte. Ansonsten war alles im Lot.

Ein Motorsegler startete, sah alles gut aus, in ca. 100 Meter Höhe wurde plötzlich das Gas zurückgenommen, das Teil sackte gehörig durch und ich dachte, dass ich mit Sicherheit weit genug von der Absturzstelle entfernt sitze. Ist das gefährlich! Ist das gefährlich? Sicherlich war das ein Schulungsflug, der Schüler hatte alles im Griff und muss nun mal lernen, wie sich ein Motorausfall kurz nach dem Start anfühlt. Alles im Lot. Ich döste weiter.

Aus dem Ju 52 Wellblechcafé schlenderte ein mittelfaltiges Paar auf das Parkbankarrangement zu. Circa 10 Bänke sind dort aufgestellt. Alle in verschiedene Richtungen weisend und alle frei. Bis auf die, auf der ich saß. Mein Anblick schien derart verlockend zu sein, dass die Beiden direkt auf mich zukamen. Ich versuchte durch intensivierten Dösausdruck mein Bedürfnis nach Ruhe auszuenden. Leider hatten die keine Antenne dafür. Man nahm Platz direkt innerhalb meiner Komfortzone. „Schöner Sonnenschein, ne?“ „Jaja.“ Die Dame sabbelte in einer Tour auf ihren Begleiter ein. Der war zwar nicht schwerhörig, wurde aber so behandelt. Die Themenfelder beschränkten sich auf Auslandsreisen, Lifestylezeugs, Kleidung. Im Detail alles Kram, den man sich kaufen kann, wenn der Rubel eher locker rollt.

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Wer warnt die, die Taube?

Dann mal zum Thema

Nach einer Weile stellte Madame fest, dass Monsieur gar nicht richtig zuhört. Dann war ich dran. Ich wurde zunächst gemustert. Meine Lederhose war an dem Tag etwas dreckig. Eigentlich ist die immer dreckig. Das Beinkleid hat Potenzial für muntere 10 Stylepunkte.
„Und Sie? Sie sind wohl mit dem Motorrad unterwegs?“
„Ja, ich genieße den Nachmittag, war etwas müde und sitze hier, weil ich ein wenig dösen wollte.“
„Ist das nicht sehr gefährlich?“
„Das Dösen? Nein.“
„Nein, nicht das Dösen. Motorradfahren. Motorradfahren ist gefährlich!“
„Kommt drauf an, wie man selber fährt und vor allem, wie andere fahren.“
„Einem Bekannten meines Mannes haben sie ein Bein abgefahren!“
„Wer?“
„Vier Jugendliche im Auto, Gerast sind die und haben ihm die Vorfahrt genommen.“ Blablabla.
Na klar ist das schlimm. Und Motorradfahren ist auch nicht so sicher wie Sportschau gucken auf dem Sofa. Na und?
Nun frage ich mich, woher die Dame die Gewissheit nimmt, das Motorradfahren besonders gefährlich ist. Die Gewissheit allein ist noch nicht bemerkenswert. Die Gewissheit gepaart mit einem erhöhten Mitteilungsbedürfnis und Missionierungsdrang, das ist nervig. Wäre ich mit Rollschuhen dort gewesen oder einem Pedelec, die Dame hätte mich sicherlich mit anderen Themen belagert, als mit der Sicherheit des Motorradfahrens. Mit Sicherheit. Und ihre Gewissheit ist doch mehr ein subjektvives Bauchgefühl, als objektiv belegt.

Zahlen, Fakten und Annahmen

Ein Blick in die Statistik. Ich bin überwiegend in Nordrhein-Westfalen unterwegs. Eine von Spiegel-online veröffentlichte Statistik sagt dazu, dass ich grundsätzlich vergleichsweise sicher unterwegs bin.
Die Zahlen der landesspezifischen Unfälle mit Todesfolge werden sehr plastisch, wenn man sie auf einen Vergleichswert von 80.000 Menschen bezieht.
Das ist etwas weniger, als ein voll besetztes Westfalenstadion in Dortmund. Von diesen Stadionbesuchern schaffen es statistisch gesehen 2,33 Menschen nicht über die gesamte Saison und verlieren ihr Leben. Das bezieht sich auf alle Verkehrsteilnehmer, Motorradfahrer inklusive. Sind das viele? Grundsätzlich sind das 2,33 zu viel. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Thüringen sind die Zahlen doppelt so hoch. Mit 5 Toten auf 80.000 Personen ist die Zahl in Sachsen-Anhalt am höchsten. Mich persönlich wundert das nicht, dort habe ich mich selbst schon auf die Nase gelegt, rutschiger Asphalt. Ich bin dem damals nicht nachgegangen, was sicherlich ein Fehler war.

Am sichersten scheint man in Berlin unterwegs zu sein. Das ist aber schnödes Zahlenwerk. Die Berliner verlassen wahrscheinlich eher das Stadtgebiet, um mal vernünftig zu fahren und versauen den angrenzenden Bundesländern die Statistik. Hatte ich neulich gelesen, vergessen wo: In Berlin kann man keine Kurven fahren, in Berlin kann man nur abbiegen.

Von den bundesweit im Jahr 2014 zu Tode gekommenen 3.366 Verkehrsteilnehmern sind übrigens 675 Motorradfahrer, also fast jeder Fünfte (Quelle: Spiegel-online).

Welche Ursachen haben die großen bundeslandspezifischen Unterschiede? Wird riskanter gefahren? Wird mehr gefahren? Gefahrene Kilometer fließen in diese Statistik nicht ein. Ist die Altersstruktur eine andere? Sind in den genannten Ländern eher junge Fahrer betroffen, weil sie risikobereiter unterwegs sind? Sicherlich spielt das Wetter eine Rolle. Wer mag, kann noch die Wetteraufzeichungen mit einfließen lassen.

In einer der letzten Ausgaben der „Motorrad“ findet sich eine Auswertung zur Leistung der gefahrenen Maschinen. Hier wird die klassische Ost-West-Grenze der Betrachtung zugrunde gelegt. Im Osten Deutschlands werden Maschinen mit weniger Leistung gefahren als im Westen. Trotzdem gibt es dort die höheren Unfallzahlen.

Nun könnte man weitere Zusammenhänge erörtern, schreiben über das Risiko, die Gefährdung und die Umstände, weitere Statistiken auswerten, Mutmaßungen anstellen. Eine simple Erklärung ist die, dass die Bundesländer mit den hohen Unfallzahlen ganz einfach diejenigen sind, die zum Motorradfahren am reizvollsten sind. Und Sachsen-Anhalt hat vielleicht doch ein Asphalt-Problem!?

Alterstrukturen und Motorradtypen spielen auch eine Rolle. Entsprechende Statistiken sind im Netz zahlreich zu finden und fördern zu Tage, dass ältere Motorradfahrer weniger gefährdet, weil sie weniger „sportlich“ unterwegs sind. Passend dazu – wer hätte das gedacht – sind Chopperfahrer nicht so häufig in Verkehrsunfälle verwickelt wie Sportlerfahrer.

Und jetzt?

Interessant wird die Betrachtung, wenn man die gefahrenen Gesamtkilometer sämtlicher Fahrzeuge zu denen der Motorräder in Relation setzt. Nach Zahlen vom Kraftfahrtbundesamt zum Jahr 2013 (andere sind noch nicht zugänglich) zu Gesamtfahrleistungen und den Unfallzahlen von 2014, ereignet sich rechnerisch auf knapp 14 Millionen gefahrene Kilometer mit dem Motorrad ein tödlicher Unfall. Das hört sich recht risikoarm an. Bei allen anderen Fahrzeugtypen zusammengenommen liegt der Wert allerdings bei 258 Millionen Kilometer pro Unfall mit tödlichem Ausgang. Im Netz kursieren Zahlen über ein vierfach höheres Risiko beim Motorradfahren gegenüber dem Autofahren. Wird die Betrachtung nicht auf die Anzahl der Zulassungen, sondern die Anzahl der gefahrenen Kilometer bezogen, liegt der Faktor nicht mehr bei Vier sondern bei mehr als 18!

Zum weiteren Schmökern zu dem Thema empfehle ich einen Artikel von Dieter Weilmann, der sich auf eine Aussage des Lawinenexperten Werner Munter bezieht.

Fazit

Schlussendlich lässt sich das Thema nicht rein rational angehen. Statistiken, die besagen, dass mehr Menschen durch Alkoholmissbrauch oder bei Haushaltsunfällen umkommen, machen das Motorradfahren nicht sicherer. Ein Vergleich von Aktivitäten und deren Unfallhäufigkeit, die statistisch belegt höher ausfallen als beim Motorradfahren, würde nur dann Sinn machen, wenn sie in ihrer Art und Weise mit dem Motorradfahren vergleichbar wären.

Ich fahre nicht sicherer, weil andere sich totsaufen!

Ich fahre nur sicherer, wenn ich mit der Unberechenbarkeit anderer rechne, die zufällig zum selben Zeitpunkt am selben Ort sind, deren Bewegungsvektor aber eine andere Länge und – verheerender – eine andere Richtung hat.

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Zu Risiken und Nebenwirkungen

Also die Sinne schärfen, mit nicht nachvollziehbaren Aktionen anderer Verkehrsteilnehmer rechnen, Reserven offen halten und das eigene Fahrvermögen einschätzen, schnellere Fahrer ziehen lassen, langsamere nicht provozieren. Mach‘ Dein eigenes Ding!

Beim nächsten Mal, wenn es in der Gashand juckt, vielleicht an diesen Artikel denken. Manchmal ist die defensive echt die coolere Art zu fahren.

Eine wesentliche Rolle im Umgang mit dem Risiko spielt das eigene Bauchgefühl. Ist es gut, dann lege los. Ist es schlecht, lass es bleiben.

Das Westfalenstadion heißt nicht mehr Westfalenstadion, ja, ich weiß. Es bekam den Namen einer Versicherung. Und es ist auch kein Stadion mehr sondern ein Park. Versteht das einer? Und das Titelbild wurde auch nicht im Sauerland aufgenommen, sondern in den französischen Alpen.

 

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