Trends, Träume und Strecken

Strecke

Aktuell beschworene Trends im Bereich der Mobilität, insbesondere im Individualverkehr, lassen eine Schwerpunktverlagerung vom „Besitzen“ zum „Nutzen“ erkennen. Carsharing mutiert vom Jutetaschen-Image zum Lifestyle. Die Vorteile des Carsharing sind die gleichen wie vor 15 Jahren, die Sichtweise hat sich hier beim Nachwuchs allerdings gründlich geändert. Oder? Eigentlich ist die Sichtweise die gleiche geblieben. Was sich geändert hat, ist die Tatsache, dass die Denke der Gutmenschen von vor 15 Jahren mittlerweile hip ist. Man muss heute nicht mehr zwingend Die Grünen wählen, um Carsharing-Nutzer zu sein. Ein schmales Portemonnaie reicht.
Das Auto als Statussymbol verliert an Kraft. Es geht nicht mehr ums „Womit“ sondern ums „Wie“. SUV-Fetischisten werden zunehmend schief angesehen und zum sozialen Fossil. Wer trendy ist, verzichtet nicht auf Mobilität. Wer trendy ist, fährt umweltfreundlich. Zum Beispiel als Carsharer.

Noch ein Trend:
Selbstfahrende Autos sind Top-Forschungsthema und in der Entwicklung nicht aufzuhalten. Inwieweit sie auch vom Fußvolk gewollt sind, bleibt abzuwarten. Trendforscher sind sich sicher. Ich mir nicht. Zumindest, wenn ich meinem jüngeren Sohn, knapp 10 Jahre alt, vertrauen darf. Selbstfahrende Autos sind für ihn der Inbegriff einer nicht mehr lebenswerten, fremdbestimmten Zukunft. Das Auto, so wie wir es heute kennen und schätzen, hat für ihn höchsten Stellenwert. Und so soll es seiner Meinung nach auch bleiben. Carsharing könnte ihm passen – aber nur mit Nicht-Selbstfahrmobilen. Ich sehe das etwas anders, werde meine Erziehung entsprechend lenken.
Was hat das jetzt mit Motorrädern zu tun? Zunächst mal nichts.

Bis wir uns einem anderen Trend zuwenden.
Dieser Trend heißt: „Ich schnall‘ mir eine Kamera an mein Vehikel oder auf den hohlen Helm und filme meine komplette langweilige Fahrt in langweiligem Tempo, in langweiligen Gegenden, stelle den ganzen Ranz ungeschnitten bei Youtube ein und langweile damit meine Mitmenschen“. An der Anzahl der Klicks kann man dann sehen, wie vielen Menschen der Verursacher des Epos von seiner Tat erzählt hat. So 20 bis 30 können das schon mal werden. Dazu kommen die, die sich verklicken. Und man kann sich den Krampf an jedem Ort der Welt nochmal selbst anschauen. Und sich an den Ritt erinnern, das Gefühl von Freiheit nochmal Revue passieren lassen.

Genau hier schließt sich der Kreis zum Trendgeschwafel. Meine grandiose Geschäftsidee ist die Kombination aus „Ich schnall‘ mir eine Kamera an mein Vehikel und filme meine komplette langweilige Fahrt“ und „selbstfahrendes Vehikel“. Ich miete mir eine selbstfahrende Mopete an einem Ort der Welt, an dem ich immer schon mal sein wollte, aber niemals hinkommen werde, weil ich in meinem tristen Alltag so fest verankert bin, dass es ausweglos ist. Statt aber immer wieder die als „Hausstrecke“ verklärt liebkoste Strecke wie im Schlaf abzubügeln, fahre ich endlich die mystifizierte Route 66, die Transfagarasan oder den Chapman’s Peak Drive ab. Ich filme die Fahrt und ziehe Sie mir bei Youtube rein. Erzähle allen, dass das meine Fahrt ist. Was ja auch stimmt. Völlig wurscht, ob ich selbst dort war, das Feeling zählt. Das schafft Sicherheit, das schafft Anerkennung. Und es ist absolut sicher. Kein Unfallrisiko. Verschiedene Fahrmodi lassen meine fahrerischen Qualitäten auf GP-Level wachsen. Mittendrin statt nur dabei. Muss ich gleich mal meinem Sohn erzählen. Danach schnell die Kohle beim Fundcrowding abziehen und los geht’s. Oder Crowdfunding? Egal, der Rubel rollt.

Ein Appell zum Schluss: Lasst die Kamera im Schrank. Das Teil verleitet nur dazu, härter am Limit zu fahren, als auf Dauer gesund ist. Mit den Dingern sieht einfach jede Fahrt langweilig aus, egal, wie schnell ihr damit unterwegs seid. Löscht den ganzen ungeschnittenen Youtube-Schrott wieder und schaut euch lieber den Film „Hart Am Limit“ an. Die können nicht nur fahren, die können auch filmen. So macht das Spaß.

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