Verschollen im Elsaß

Elsass

Wer das Fahren in kurvenreichen Gefilden liebt und in Reichweite des wunderschönen Schwarzwalds wohnt, der hat wirklich eine der besten Fahrregionen vor der Tür: Die Vogesen. Hier kann man mit sich allein sein. Kaum Autos, kaum Schilder, kaum Motorräder.

Von meinem letzten Trip zurück aus den französischen Alpen hatte mich eine Gewitterfront Richtung Kaiserstuhl getrieben. Bei Freunden in Endingen konnte ich übernachten, nach dem Frühstück Navi aus und Nase an. Die weitere Richtung gab der Bauch vor. Straßenkarten helfen bei der groben Orientierung. Über Sélestat , Le Bonhomme weiter Richtung Col de la Schlucht. Col de la Schlucht. Hört sich gut an, so französisch.

Kenner haben den Schlucht im Portfolio, ich hatte nur davon gehört. Nicht so spektakulär wie die Cols in den Alpen, dafür nix los. Nach endlosen Schwüngen, die mir komplett die Orientierung raubten, kam aus einem Gebüsch ein Café direkt auf mich zu und zwang mich zur Rast. Auf der Terrasse fingen zwei Bikende die ersten Sonnenstrahlen ein, Radfahrer durchquerten mein Blickfeld. Alles in Zeitlupe. Nachdem die beiden Biker zahlten, wir kurz geklärt hatten, dass wir nicht dieselbe Wellenlänge haben, verließen sie die Szenerie und ich konnte mich ganz auf mich konzentrieren. Ein perfekter Tag. Ein Kaffee so zart und dünn wie Blattgold, ein Baguette mit langem Namen und kurzem Nachhall. Meine Blicke überflogen die Karte nach geeigneten Anschlusskurven. Der Tag war noch jung und verheißungsvoll.

Zahlen, Helm auf, aufsitzen und los.  Die D23 Richtung Xonrupt war grün und schwungvoll. Xonrupt, ein Ort mit X. Ich war nie an einem Ort mit X. Bis heute nicht. Bis auf Xanten.  Die Nase lotste mich rechts ab auf die D73. Noch kleiner, noch grüner. Keine Häuser, keine Menschen – perfekt. Nach kurzer Weiterfahrt erlöste mich eine abnehmende Lenkpräzision von meiner Euphorie. Der erste Platten meines Lebens. Mitten in Europa. Mitten im Elsass. Mitten im Funkloch. Was nützt dem bedürftigen Tropf der warme Schoß von Mutter ADAC, wenn die Dame nicht weiß, dass man gerade Trost braucht? Nun denn, der Nachmittag war geritzt. Ich stellte mich auf langes Warten ein. Worauf ich wartete, wusste ich nicht genau. Ich wartete.

Alle zehn Minuten kam ein Auto vorbei. So allein war ich dann doch nicht. Ich signalisierte Hilfsbedürftigkeit. Der eine oder andere Fahrer hielt sogar an. Ich kramte in meinem ärmlichen Wortschatz die Übersetzung für Pumpe hervor, garnierte den Halbsatz mit ein paar Höflichkeitsfloskeln und wartete ab. Eine Dame wollte mich direkt mitnehmen zum nächsten Ort. Ich konnte mein Gefährt aber nicht allein zurücklassen. Deutsches Misstrauen siegte über französische Gastfreundlichkeit. So blieb ich allein zurück. Und wartete. Lange.

Ich vertrieb mir die Zeit mit Nachdenken. In erster Linie darüber, warum mein Vorderrad überhaupt so drucklos in der Gabel hing. Im Geiste lief ich die gefahrene Strecke zurück und kam an die Stelle, an der ich in Sélestat den Luftdruck checkte. Vom Vorbesitzer meiner Mopete hatte ich immer noch diese unerträglichen Kappen mit Luftdruckanzeiger, die sich nur Rookies auf die Ventile schrauben. Diese Dinger gaukeln Sicherheit vor, wo keine ist. Zeigt das Teil seine grüne Seite, scheint alles ok. Zeigt es rot, eben nicht. Grün bedeutet aber nicht zwingend ok. Und man muss es festschrauben. Nicht einfach so locker draufsetzen oder nur leicht draufschrauben. Nein, fest wäre ok gewesen. Diese Dinger wurden erfunden, um Menschen, die eine Neigung zur Schlamperei haben, mitten im Elsass eine Reifenpanne zu besorgen. Ich nahm den Finger aus der Nase und drehte vorsichtig an der teuflischen Kappe. Sie war nicht fest. Somit machte weiteres Fragen Vorbeiziehender nach einer Pumpe durchaus Sinn.

So verbrachte ich den Nachmittag mit kurzen Plaudereien mit Autofahrern. Alle ohne Pumpe. Es traten sogar zwei kleine Wandergruppen auf die Waldbühne. Meine Frage nach einer Pumpe fanden die Fußknechte allerdings eher amüsant. So wartete ich eben weiter. Ein Mini-SUV mit einem älteren Paar kreuzte meinen Weg, nahm mich kurz misstrauisch in Augenschein und entschied sich genau dort zu parken, wo mich das Unheil ereilte. Typisch Franzosen. Kaum die Autotür offen, schon den Tisch neben dem Wanderweg gedeckt und das Picknick am Start. Wir musterten uns gegenseitig. Ich freute mich, dass die beiden sich etwas zu erzählen hatten. Auch wenn es offensichtlich über meine Person war. So hatte meine Anwesenheit wenigstens einen Sinn. Ich ging auf die beiden zu, guckte freundlich, fragte nach einer Pumpe und wurde in einer Welle der Hilfsbereitschaft förmlich ertränkt. Die beiden kamen aus Calais, machten Urlaub im Elsass. Das war für mich neu. Wie beschränkt. Wie beschränkt man doch ist. Klar machen Franzosen auch in Frankreich Urlaub!

Nun denn, die Gattin bekam Anweisung mein Motorrad zu bewachen, der Tourist im eigenen Lande lud mich in sein SUV ein und wir fuhren zu einem nahegelegen Hof, dessen Besitzer über einen leicht betagten aber schwer imposanten Kompressor verfügte. Kurzes Abklären der bevorzugten Sprache: Der Mann sprach derer zahlreich und fließend, darunter auch Deutsch. Ich möge mein Motorrad zu seinem Hof schieben, er gäbe mir Druck und die Welt sei wieder rund. So einfach geht das aber nicht. Das Motorrad mit plattem Reifen die ganze Strecke schieben? Das ist einerseits schweißtreibend und andererseits wird es wahrscheinlich den Schlauch killen. Ich fahre Speichenräder, ganz altmodische mit Schlauch. Keine weiteren Optionen, demnach zurück zu Frau Calais an den Picknicktisch. Ich hatte an dem Tag das Warten gut erlernt, so machte ich damit weiter. Geht so ein Schlauch wirklich direkt kaputt, wenn das Moto zwei Kilometer mit Platten bewegt wird? Besser versuchen, als weiter zu warten. Auf was eigentlich? Ich fing mal an meine Klamotten im Gepäcksack zu verstauen, bockte später das Moto vom Hauptständer, um zu Monsieur Compresseur zu rollen. Da durchbrach plötzlich ein lauter Schrei die Stille.

Herr Calais hüpfte laut rufend, einem Derwisch gleich, über die Bühne. Aus dem Nichts, genau genommen aus dem Wald, tauchte eine niederländische Mountainbikerin auf. Das ist im Elsass selten, aber immer noch wahrscheinlicher als in den Niederlanden. Wegen der Mountains. Herr Calais nahm ohne Umschweife Kontakt zu der Seltenheit auf und sie machte einen Wunsch wahr: Aus den Tiefen ihres Gepäcks zauberte sie eine Pumpe hervor. So klein und zart und unbenutzt. Sie reichte mir das Wunderwerk und ich setzte es am Ventil an. Dann pumpte ich. Gefühlt fast so lange, wie ich zuvor gewartet hatte. Frau Antje war schon ungeduldig und ich verschwitzt. Ich hatte keine Ahnung, dass sie einen anderen Plan hatte, als mir zu helfen. Deutlich wurde das mimisch nonverbal. Weil sich der Reifen von der ganzen Pumperei sowieso nicht beeindruckt zeigte, gab ich auf und ihr die Pumpe zurück. Ich verabschiedete mich von dem liebenswerten Ehepaar Calais und schob la Mopète in Richtung Kompressor.

Nach hundert Metern wählte ich die Motorunterstützung, was macht das schon. So kam ich am Hof an, wurde bereits erwartet. Der Kompressor knallte den Reifen voll. Und: Geräuschvoll entließ der Schlauch die Luft wieder  in die weniger druckvolle Umgebung. Doch gelöchert, der Schlauch. Ich zwängte mich in meine Montur, verabschiedete mich dankend. Noch einmal 3,5 bar in den Reifen gehustet und Gas. Wie ein Henker schnalzte ich eilig am physikalischen Limit den Weg zurück, grüßend vorbei an Herrn und Frau Calais, ein paar schöne Kurven rauf bis zur nächsten Ecke, raus aus dem Funkloch. Nach wenigen Minuten war der Reifen wieder platt. Aber ich konnte mit Mutti ADAC funken. So nahte alsbald Rettung. Der Retter, seine Begleiterin in freudiger Erwartung und ich fuhren im Laster zurück über den Col de la Schlucht. Dann Colmar, Übernachtung, Frühstück, Reifenhändler, ab gen Heimat.

Schön, wenn mal etwas schiefgeht. So viele nette Menschen an einem Tag, hilfsbereit, international, sensationell. Im Schlauch waren insgesamt 8 Löcher. „C`est mystique“ sprach der Schrauber. Stimmt, dachte ich. Nur sein Chef war ein Filou. Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Kommentare zu “Verschollen im Elsaß”

  1. Schöne Geschichte, das Lesen hat wirklich Spaß gemacht! Wäre ich dabei gewesen hätten wir entweder vor Ort den Reifen flicken können oder ich hätte Dir geraten, mit Monsieur Calais und dem ausgebauten Rad im Mini-SUV zum Bauernhof zu fahren …
    Schöne Grüße, Bambi … der es auch einmal geschafft hat, in der Nähe von Haut Königsbourg einen Vorderreifen so zu perforieren, daß 3 Flicken und Pannenspray erfolglos blieben. ‚Herrliche‘ Erinnerungen an den mittelalterlichen Brunnen vor dem ‚Grünen Baum‘. Frau und Kumpels lecker gegessen, ich wieder mit blubberndem Schlauch am Brunnen. Dann waren die Flicken alle … Naja, das Pannenspray hat dann nicht ganz versagt, mit Besuchen bei jeder Tanke am Weg haben wir es tatsächlich bis Heidelberg geschafft. Leider war mein oller Scrambler im Pulk die einzige Mopete mit 21-Zoll Vorderrad, so daß 18- und 19-Zoll Reserve-Schläuche der Brit-Bike-Kumpels nicht halfen. Zum Glück trainierte nahe Heidelberg ein Cross-Club auch sonntags-morgens …

    1. Hallo Hans-Günter,
      Danke, der Vorderradausbau war leider nicht zu machen. Meine Triumph ist erst 17 Jahre alt und bleibt tatsächlich nie liegen, bis auf diese eine Panne. Darum fahre ich immer ohne Werkzeug, leichtsinnigerweise. Ich bin aber auch nicht drauf gekommen, mal nach Werkzeug zu fragen. Nicht erklärbar…
      Welcher Scrambler ist auf 21-Zoll Beinen unterwegs? Hört sich eher nach Grobstollfraktion an 😉

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