Vom Glemseck 101 zur Ace Cafe Reunion

Leonberg – London. Maschinen, Menschen, Metropolen

Mal so unter uns: Was sollte mich, der mit dem Motorrad sehr gerne alleine unterwegs ist, reizen, innerhalb einer Woche vom Zuhause im Ruhrgebiet nach Leonberg, von dort über lange Umwege nach London über Brighton wieder zurück nachhause zu fahren? In einer Gruppe! So ein Gruppending. Das hatte ich schon mal. Irgendein Alphatier, in der Regel das mit der dicksten Karre, fährt voraus, bestimmt wo gepinkelt und geraucht wird, fährt zu langsam und gibt permanent Anweisungen an Unmündige, die hinterherfahren dürfen. Strenge Regeln, strenges Protokoll.

War bei meinem Trip nicht so.

Im Vorfeld mal telefonisch gecheckt, dass es sich nicht um eine geführte Reise mit irgendwelchem Anspruch auf Unterhaltung handelt. Nur Motorradfahren. Sonst nichts. Und gecheckt, dass nicht zu langsam gefahren wird. Es tat sich bei mir eher der Verdacht auf, dass eine gewisse Tendenz zu vorsätzlich schnellen Gangarten vorhanden ist. Das war mir egal. Was ich nicht kann, ist warten. Was leicht fällt, ist Schnellere ziehen zu lassen. Telefoniert wurde im März. Nachricht aus Krefeld, ob ich Bock habe mitzufahren. Mit dabei waren u.a. Ace Cafe Urgestein Mark Wilsmore und TT-Fahrer Conor Cummins. Trotzdem kein Promi-Geschnatter. Einzige Beschäftigung sollte Motorradfahren sein. Ein halbes Jahr Vorlauf.

6 Monate später

Raststätte Peppenhoven. Irgendwann am Nachmittag vor Glemseck 101 2018 wartete ich auf irgendein Trio, in dem mindestens eine alte, akustisch prägnante, knallrote BMW mitfuhr. Punkt 15 Uhr trafen wir uns zum Kaffeeklatsch an der Raste, sammelten SaniFair-Bons, machten einen Plan und beschworen den Wettergott. Es sah nach Regen aus. Es musste allerdings im Trockenen gefahren werden, weil rote BMWs bei Nässe den Dienst quittieren. Wir schafften es auch trocken fast bis Leonberg – eben fast. „Fahrt weiter, ihr könnt es schaffen ohne mich.“ Das gehört sich eigentlich nicht für Gruppengezwungene, haben wir aber trotzdem gemacht. Red Barrel blieb im Regen zurück und wir rückten zu Dritt im Schutz der Dunkelheit und des Regens nach Leonberg vor, enterten das Hotel und waren am ersten Ziel. Ein Wochenende Glemseck.

Glemseck war Glemseck

Viele Menschen, ein paar Hipster. Wer nicht unbedingt Menschen um sich herum braucht – und schon gar keine Hipster – um sich wohl zu fühlen, kann den Ort meiden. Wer sich eher zur Fraktion der Gourmets zählt, findet auf der Suche nach Essbarem wahrhaft bessere Adressen. Aber wer Motorräder gucken will – und hören will – der ist hier genau richtig. Ich war nach sieben Stunden satt, habe meine Guzzi vom Ace Cafe-Stand aus dem Zentrum der Veranstaltung durch die Menge herausgequält, dem Hitzetod gerade noch entronnen das Weite gesucht. Nächster Tag, Sonntag. Wieder Glemseck. Menschen, Motorräder, Regen, ausgefallene Sprintrennen und Ende.

Continental Run.

Montag 10 Uhr. Nach dem Glemseck 101 Treffen vorm Glemseck. Kurz mal checken, wer nun alles mitfährt. Und womit. Grundsätzlich sind alle Marken beliebt, solange sie einen Zweiventil-Boxermotor haben. Ein paar Ausreißer waren dabei mit britischen Markenprodukten und ich als Einziger mit einer italienischen Diva. „Sieht ja ganz gut aus, aber mit ihr zusammenzuleben ist bestimmt schwierig.“ Das konnte verneint werden, die Guzzi läuft wie ein Uhrwerk. Das tat sie wirklich. Zunächst. Wir starteten im Dutzend.

Der Schwarzwald machte Appetit. Wir folgten Tom vom Cafe Corner, der ortskundig und auf nachahmenswerter Linie voranfuhr, machten Rast an der 60er Tankstelle auf dem Kniebis, fädelten uns wieder ein und rollten abschließend auf die Rheinfähre Richtung Elsass. Das Tempo wurde zwischenzeitig angenehm gesteigert, ohne Raserei, passte mir ganz gut. Tom schüttelte die Meute am Rhein ab und machte wie zuvor geplant kehrt.

Neben dem Motorradfahren sind die Pausen spannend. Wo kommst Du her, was fährst Du und warum? Der Alltag spielt keine Rolle mehr. Man springt in ein unbekanntes Gewässer, taucht ab und wundert sich, was für bunte Fische zeitgleich im selben Habitat unterwegs sind.

Regenplaner

„Wenn wir noch 30 Minuten warten, ist die Regenfront nach Osten weiter, wir machen einen Schlenker Richtung Westen und bleiben dann trocken.“ Red Barrel – aka HP – hat keine Regenkleidung dabei, weil seine BMW im Regen sowieso nicht fährt. Ist eben so, ist Fakt. So ähnlich wie Gravitation oder Sonnenstand, kann man nicht ändern. Die BMW ist schon lange in seinem Besitz. Und so konnte über die Jahre eine absolute Perfektion im Abstimmen von Wetterkarten und trockenen Fahrtrouten erreicht werden. Absolut zuverlässig. Wer trocken bleiben will, der fährt mit HP.

Schizophrenie auf zwei Rädern.

Er&Ich fährt normalerweise Cafe Racer, klar: BMW Zweiventiler. Weil der Cafe Racer unter Verstimmung leidet, wird der Continental Run mit einer GS mit Karl Dall-Scheinwerfer absolviert. „Seitdem ich das hässliche Schnabeltier fahre, grüßen mich alle GS-Fahrer, weil die glauben, dass ich einer von ihnen bin.“ Ist er aber nicht. Am Heck GS-standesgemäß Alu-Koffer. Aber nur links. Das rechte Gegenstück, so erzählte Er&Ich, verabschiedete sich vor einigen Wochen auf der Autobahn und verwandelte einen funktionierenden VW Polo in einen wirtschaftlichen Totalschaden. Ich vermied es, nachdem ich die Geschichte erfuhr, hinter dem blauweißen Gelände-Sofa herzufahren, weil ich nur noch den übriggebliebenen Koffer im Fokus hatte. War sowieso schwierig genug dranzubleiben. Ab und zu ließ er mich vorbei, machte dann aber keine Anstalten, aus meinem Rückspiegel zu verschwinden.

Meine Empfehlung für eine Gruppentour mit Teilnehmern, die überwiegend auf umgebauten Maschinen unterwegs sind, ist, einen Fahrer mit einer GS einzuladen. Beim geschmacklichen Austausch über designtechnische Verfehlungen an den mitfahrenden Umbauten, der sich allenfalls auf schlecht drapierte LED-Rückleuchten oder nicht standesgemäße Spiegel beschränkt, kann so immer wieder auf das glasklare, gemeinsame Feindbild zurückgekommen werden. So schäbig wie eine GS ist sowieso nichts Anderes. Nachteil der GS ist zudem, dass sie astrein fährt.

Davon durfte ich mich selbst überzeugen. Am Dienstag wurde getauscht. Ich bestieg die GS, Er&Ich streckte sich auf meine verstummelte Griso. Nach einer halben Stunde fing die Diva unter ihrem ungewohnten Reiter an zu zicken und zu bocken. Das Zuschauen tat mir irgendwann so weh, dass wir den Tausch rückgängig machten. Die fremden Finger nahm mir La Donna übel, zickte weiter und versaute mir die Weiterfahrt in der Gruppe. Zunächst mal Schluss. Mal wollte sie, dann wieder doch nicht.

Nachdem jeder aus der Gruppe eine Einschätzung zur Ursache des Fehlers abgeben durfte, kam der entscheidende Schnitt. „Fahrt weiter, ihr könnt es schaffen ohne mich.“

In einer Gruppe, die auf bajuwarische Ingenieurleistungen aus den 70er Jahren steht, braucht ein Guzzi-Fahrer spätestens im Falle eines Defekts ein dickes Fell. Wer Guzzi fährt, ist irgendwie selber schuld. Weil das ja jedem Menschen völlig klar ist, dass die irgendwann einfach nicht mehr fährt. Und wenn doch, dann ist es eben Glück. Bei einer BMW ist das anders. Vergleichbar mit der Ursache von Kopfschmerzen. Der BMW-Fahrer hat Kopfschmerzen, weil er einem hart platzierten Torschuss in einem enorm wichtigen Spiel selbstlos die Stirn geboten hat. Sowas wie eine Sport- oder sogar Kriegsverletzung. Mit Würde erlangt und ausgehalten. Der Guzzi-Fahrer hat Kopfschmerzen, weil er sehenden Auges mit voller Wucht vor den Schrank läuft.

Er&Ich blieb trotz Aufforderung, sich den Boxern anzuschließen bei mir, unterstützte moralisch und mit technischem Rat. Nach Abkühlung zog die Guzzi wieder hervorragend, aufgeheizt quittierte sie ihren Dienst. So verging der Tag mit Fahren und Warten. Bei der verspäteten Ankunft am Hotel in La Petite Pierre in den Nordvogesen gab es Applaus von den bereits Angeheiterten.

Abends noch große Bühne im Herzen von La Petite Pierre. Der Großteil der Belegschaft des Continental-Run saß zu später Stunde vorm Hotel, genüsslich am Gläschen nippend. Der Friede wurde gestört durch ein geräuschvolles Konzert aus Auspuffpatschen mit akzentuierten Fehlzündungen, dargeboten von einer defekten BMW. Die Zahl der BMW-Treiber in der Gruppe war so groß, dass bei der Fehleranalyse und Lösungsfindung schon von Schwarmwissen gesprochen werden darf. Der leittragende Fahrer durfte mit Kopflampe unter lautstarker Anleitung vor dem Hoteleingang seine BMW zerlegen, einstellen und zusammenbauen. Meiner Meinung nach lief das Teil für einen 2OHV-Boxer danach wieder gut, ich stand damit aber allein auf weiter Flur. Sie lief eben nicht perfekt.

Stabile Seitenlage

Dieser Dienstag hatte es in sich. Am Vorabend deutete sich das an. Zu fortgeschrittener Stunde trat ein Hotelangestellter in die Lobby und vermeldete: „Entschuldigung, ich kenne mich nicht aus, aber ist es normal, dass ein Motorrad auf der Seite liegend geparkt wird? Alle Maschinen stehen, nur eins liegt.“ Keineswegs normal, wir sahen uns die Sache an. Das Teil war einfach umgekippt, keiner weiß warum. Bis auf ein paar kleine Kratzer war die Misere überschaubar. Nebenbei erfuhr ich am Morgen, dass es sich bei dem Tacho, der stark zerkratzt war, um eine Sammlerrarität handelt, Preis vierstellig. Das ist ärgerlich, wurde aber mit Fassung getragen.

Zweiter Umfaller beim Anhalten am Streckenrand auf einer der zahlreichen Passhöhen in den Vogesen für ein paar Fotos. Nasses Gras, kein ABS. Die betroffene Triumph blieb schadlos, der Fahrer auch. Die Maschine gewann 5 Tage später am Ace Cafe in London den ersten Preis in der Kategorie Best Modern Triumph Cafe Racer. Am Umfaller lag das nicht. Glückwunsch dazu, René, zum Preis.

Dritter Umfaller an dem Tag nach etwas forsch angefahrener Kurve und klassischem Blickfehler. Schau nicht dahin, wo Du nicht hinfahren willst. In dem Fall schaute ich in Richtung Grün. Abgebremst und bei fast Schritttempo die Guzzi auf die Seite gelegt. Die Nachhut half beim Aufrichten, Dreck abgeklopft und weiter ging’s … „To finish first, you first have to finish…“ 

Flachland

Mit einem Tag Aussetzen wegen eines Wechsels auf meine Zweitmaschine ging es weiter durchs französische Flachland. Nach ein paar Navigationsschwächen, die einen mächtigen Ruck in Sachen erlebbarer Gruppendynamik verursachten, erreichten wir den Fährhafen, wurden in zwei Gruppen auseinanderdividiert und auf verschiedene Galeeren verfrachtet. Die Nacht zuvor wurde in der Nähe von Lille verbracht. Von dort führt der direkte Weg nach Calais nicht über Paris. Trotzdem schlugen wir kollektiv die Richtung ein. Klar ist das ein wenig zu südlich. Und klar, so ein Umweg ist ein gewisser Luxus, wenn man nach London möchte. Der Navigationsfehler wurde zeitig bemerkt, der Schlenker kostet ein wenig nötige Zeit und unnötige Nerven. Zumindest für ein paar Mitreisende. Eine Frage, die sich stellt, ist die, warum es Menschen gibt, die anderen blind hinterherfahren, obwohl sie genau wissen, dass der eingeschlagene Weg der falsche ist. Das kann man ja machen, aber bitte nachher nicht meckern.

An dieser Stelle wäre Gelegenheit, eine Studie zum Thema Gruppendynamische Wechselwirkungen mittelalter Männer mit besonderem Fokus auf Motorradfahrer zu schreiben. Statt eine Gruppe zu verlassen, fährt man mit ihr gemeinsam ins Verderben. Das Verderben sah in diesem Fall so aus, dass eine Fähre später die Insel der Glückseligkeit angesteuert wurde. Ich glaube ja in solchen Fällen stets an irgendeine Fügung. Wäre also die Fähre, die wir ursprünglich nehmen wollten, gesunken, hätten wir uns als Auserwählte fühlen dürfen. Umgekehrt natürlich auch, nur mit anderem Ausgang. An diesem Tag ist aber keine Fähre gesunken, somit ist das blöd gelaufen. Auserwählt waren wir trotzdem.

Am Ziel. Am Ende.

Am Freitag erreichten wir das Ace Cafe, hatten Spaß, ein gutes Hotel, mäßiges Bier in übermäßiger Menge. Die Zeit wurde gefüllt mit Rock ‘n‘ Roll, Motorrädern und dem Quatschen mit den dazu gehörenden Menschen. Sonntags der Burn-Up vom Ace Cafe zum Ace Day in Brighton und am Montag wieder zurück auf die Fähre und nachhause.

Fazit

Eine Woche dreht sich alles ums Motorrad. Das derart intensiv, dass die Aktion noch mindestens zwei Wochen im mentalen Gebälk knarzt. Die Tour wurde nicht zuletzt durch die Teilnehmer so intensiv. Von laut bis leise, stille Wasser mit flinker Gashand, Episoden im Elsass, die am Limit waren. Wenn große Jungs auf alten Maschinen unterwegs sind, kann im Vorfeld noch so oft beteuert werden, dass man sich fahrerisch nicht aufschaukelt, jeder sein ganz eigenes Tempo fährt. Irgendwann, wenn die Strecke es hergibt und der kleine Mann im Oberstübchen energisch mit den Hacken stampft, dann wird es schnell. Und dann will Mann eben dranbleiben. Und dann kommt der Bus hinter der Kehre entgegen. Und man hat wieder mal Glück gehabt. Wie oft das herausgefordert werden darf, dass muss jeder für sich selbst ausmachen. Schlussendlich war hohes Tempo kein Dauerzustand, sondern immer eine temporäre Erscheinung, den Verhältnissen weitgehend angepasst. Und jeder Stopp wurde mit den passenden Kommentaren belohnt, aber ohne blödes Gebell. Und natürlich mit der Feststellung, dass eine GS wirklich einfach nur kacke aussieht. Insgesamt eine ausgewogene Sache. Eine Woche nur Motorradfahren. Sonst nichts.

Längst zuhause stellte sich heraus, dass meine Guzzi einen massiven Wassereinbruch in einem der beiden Anschlussstecker am Steuergerät hatte, was zu dem Totalausfall führte.

Anm.: Dieser Beitrag von mir erschien in der FUEL 2/19

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