Yamaha XSR 900: „Beiß mich! Kratz mich! Schlag mich!“

XSR 900

Ich schraube gerne, ich fahre gerne, ich stehe auf Technik, die ich durch Anschauen verstehen kann. Dementsprechend war ich Zeit meines Lebens auf klassischem Material unterwegs. Alles elektronische war mir in Fahrzeugen suspekt. Allenfalls eine elektronische Zündung akzeptierte ich, letztlich aber wahrscheinlich nur, weil sie zu Zeiten meiner Sozialisierung mit Motorrädern schon Standard war und mechanische Zündgeber doch wahrhaft wartungsintensiv sind.

Eine Idee hat Premiere

Und dann kam, was vielleicht kommen mußte: Die Zeit, die ich in der Garage mit der Instandhaltung klassischen Alteisens verbrachte, stand in keinem guten Verhältnis mehr zu der Zeit, die ich auf der Straße verbringen konnte. Erste Gedanken an den Kauf eines neuen, also richtig fabrikneuen, Motorrades drängten in mein Bewußtsein. So ein Motorrad, das ganz sicher anspringt, anbleibt und sich so fährt, wie es die Konstrukteure erdacht und erschaffen haben. Mit einem Fahrwerk, wie es im letzten Jahrtausend nichtmal Rennfahrern zur Verfügung stand und einem Motor, dessen Leistung hinsichtlich einer großzügig ausgelegten Straßenverkehrsordnung keine Wünsche offen lässt.

Die bislang undenkbare Idee wuchs zu einem konkreten Vorhaben: Ich wollte mir ein aktuelles, neues Motorrad kaufen. Eins, das einfach nur funktioniert. 

Die Kriterien waren klar: Naked Bike, ca. 100 PS, ca. 200kg maximal und unter 10.000 EUR für neu oder neuwertig.

Meine Vorliebe für klassisches Design und die Budgetvorgabe erübrigte sämtliche Besuche bei europäischen Herstellen. Kawasakis sugomiverstrahlte Z900 und Yamahas MT-09 eliminierte ich von der Auswahlliste. Die Ausnahme war ein bemerkenswerter Preisverfall bei BMWs R NineT Racer, die mehrfach als Vorführer mit wenig Kilometern für um die 10 Kiloeuros im Angebot war. Ebenfalls als Vorführer finanziell erreichbar, und als langjähriger Z und Zepyhr-Fahrer naheliegend, war die wunderschöne Kawasaki Z900 RS.

Aller neuen Dinge sind drei

Mein regionaler Ersatzteilversorger hatte schon auf mich gewartet. Ihm war offensichtlich klarer als mir selbst, dass ich Kawasakis aktuelles Retromodell ausprobieren musste. Sie fährt sich problemlos, hat Kraft, liegt gut auf der Straße, macht insgesamt einen unspektakulären Eindruck. Und genau das war es, was mich nicht anmachte. Die Maschine selbst bescherte mir keine neuen Erlebnisse, sie ist die perfekte Übersetzung der klassischen Kawasaki Vierzylinder ins 21. Jahrhundert. Alles richtig gemacht, meine Freunde in Akashi, doch diesmal erreicht ihr mich nicht. Ich will mehr. Mehr Erlebnis, mehr „anders“ als gewohnt, mehr „neu“ für mich.

Die Suche nach einer Alternative führte mich in den Sattel einer BMW R NineT. Das oben erwähnte Racer-Gebrauchtangebot stand nicht zur Probe zur Verfügung, aber um den Motor und das Fahrerlebnis zu testen, stellte der freundliche BMW Händler mir eine andere R NineT zur Verfügung, knallbunt und aufgemotzt mit feinen Designteilen aus der „719“ Kollektion. Unter der wilden Kriegsbemalung und dem obszönen Getöse aus der Akrapovic Anlage verbirgt sich ein recht biederes Fahrerlebnis. Der voluminöse Zweizylinder zieht gemächlich an – zumindest gefühlt – und scheint sich am wohlsten zu fühlen, wenn man es gemäßigt angeht. Gemäßigt heißt hier, dass man sich in der Regel im Gefahrenbereich des Führerscheinentzugs befindet, davon aber leider nichts mitbekommt. Ein ansatzweise sportliches Gefühl kommt erst jenseits von Gut und Böse auf. Damit man trotzdem etwas erlebt, brüllt einem das Ding in jedem Fahrzustand permanent aufdringlich ins Ohr – nervtötend und definitiv nicht meine Welt.

Versuch Nummer drei galt der neo-retro Variante von Yamahas MT-09, in Anlehnung an unvergessene Ahnen genannt XSR900, das Design irgendwie annähernd klassisch ohne historische Linien zu kopieren, als Dreizylinder motorisch zwischen Kawasaki und BMW positioniert. Alle Auswahlkriterien werden erfüllt. Und, heute eben normal, mit jeder Menge Elektronik: Digitalanzeige, Wegfahrsperre, Traktionskontrolle und LED Rücklicht, ABS sowieso. Drei Fahrmodi stehen zur Wahl: „A“ wie aggressiv, „STD“ wie Standard, was bei der XSR „aggressiv“ bedeutet, und „B“ wie bescheiden, was 20% der Leistung und 50% des Erlebnisses abschneidet.

Alle Versuche, sich einen Eindruck von der Maschine zu verschaffen, werden vom Motor beherrscht. Ein wahrer Feuerstuhl. Ultradirekt am Gas führt jedes Zucken im Handgelenk zum Tritt ins Kreuz. Das ist kein „Zug wie am Gummiband“, sondern fühlt sich an, als ob man von der Schaukel fliegt.  

„Beiß mich! Kratz mich! Schlag mich!“ jubiliert lustvoll röhrend die Yamaha, wo die BMW nur unwillig stöhnt.

Nach einer halben Stunde Testfahrt war ich der XSR verfallen, habe noch ein bißchen um Zubehör gefeilscht und meinen Namen unter den Kaufvertrag gesetzt.

Das „neue Normal“?

Inzwischen ist bei uns der Alltag eingekehrt und die Lernkurve ein Stück weit beschritten. Ab Werk ist die Yamaha für die Landstraße vorne seltsam weich, und hinten deutlich zu straff abgestimmt. Bretthart im Heck und kompromißlos auf den supersportlichen Bridgestone S20, die auf geflickten Landstraßen bequem sind wie High Heels auf Kopfsteinpflaster. Doch daran läßt sich arbeiten. Die Gabel habe ich etwas stärker vorgespannt, das verhindert unangenehm tiefes Abtauchen beim Anbremsen.  Hinten nahm ich reichlich Dämpfung raus, was nun annähernd komfortables Rollen auch auf unebenem Geläuf erlaubt.  Interessanterweise scheint von der digitalen Gasannahme nun einiges im Federbein stecken zu bleiben. Das nimmt ein wenig den Knalleffekt, ist aber auch weniger anstrengend.  Als nächstes werden Tourensportreifen aufgezogen, dann darf voraussichtlich auch wieder etwas weniger im Federbein gedämpft werden. Übrigens ist die XSR bisher immer angesprungen, angeblieben und fährt, wie es sich ihre Konstrukteure wohl gedacht haben.

Wabi Sabi

Also, das perfekte Bike gefunden? Mitnichten. XSR 900 fahren erfordert Achtsamkeit und Toleranz. Achtsamkeit, was Gasannahme, Linienwahl und die beeindruckend wirksamen Bremsen angeht. Toleranz bei Detaillösungen:

Wahrscheinlich war die Maschine fertig konstruiert, als die Entwickler bei Yamaha das perfekte Ergebnis mit reichlich Sake feierten. Dann fiel einem ein, dass es so nicht geht, denn nach dem japanischen Prinzip des „wabi sabi“ gilt es, die Schönheit im Unperfekten zu entdecken. Ein anderer hatte im Rausch des Reisgebräus die rettende Idee: „Lass uns das Sitzbankschloss an die dreckigste Stelle des ganzen Motorrades bauen. Unter den Kotflügel. Da kann es am besten korrodieren und die Fahrer versauen sich jedesmal die Finger, wenn sie den Schlüssel reinfriemeln wollen. Außerdem müssen sie sich tief bücken und finden das Schlüsselloch nur bei bester Beleuchtung!“  Und so wurde die Perfektion der XSR im besten Wabi Sabi Sinne in Szene gesetzt.

Beifahrer sollten über eine flexible Anatomie verfügen: Lange, kräftige Beine sind gefragt, um die hohen Fußrasten zu erreichen und sich hochzustemmen. Auf dem spartanischen Soziussitz angekommen, sollten dieselben Gliedmaßen allerdings eher kurz und eng zusammenlegbar gestaltet sein. Mir ist schleierhaft, wie Erdlinge dieses Kunststück fertig bringen. Eine weitere Herausforderung an meine Toleranzgrenze und die aller anderen Touren- und Allwetterfahrer ist der komplett fehlende Spritzschutz hinten sowie die völlige Freiheit von Verzurrmöglichkeiten für eine Gepäckrolle. 

Aber was ist schon perfekt, außer dem Moment, an dem Du neue Erfahrungen auf zwei Rädern machst. Die XSR900 macht enorm viel Spaß, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer elektronischen Erlebnismanipulatoren. Und von Perfektion ist sie genau so weit entfernt, dass man noch was zum Schrauben und Verbessern findet. Kann man dann machen, muss man aber nicht.

Bleibt nur noch zu ergänzen, dass wenige Wochen nachdem ich die Yamaha abgeholt hatte, MOTO VIE Kollege Serge mit seiner neuen BMW R NineT in den Hof rollte. So bleibt die Ehre der weiß-blauen in unserem Hause gerettet. Und erleben kann man mit jedem Motorrad etwas. Siehe: „Der Teufel im Detail und des Bestatters Hilfe“.

2 Kommentare zu “Yamaha XSR 900: „Beiß mich! Kratz mich! Schlag mich!“”

  1. Hallo Jimmy,
    ich hätte gern deinen Text vollständig gelesen, aber leider verdecken die Fotos den größten Teil davon. Nun weiß ich nicht, ob das an meinem iPad liegt, dessen letztes Systemupdate schon ein paar Jahre her ist oder woran sonst.
    Beste Grüße
    Wolfgang

    1. Hallo Wolfgang,
      danke für Dein Interesse und den Hinweis. Ich hab es nochmal auf verschiedenen Systemen geprüft, sieht alles gut aus. Wahrscheinlich liegt es an Deinem Browser oder den Einstellungen dazu.
      Hat sonst noch jemand Probleme mit der Ansicht?
      Grüße, Jimmy!

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